Schulen
Lernen mit Behinderten: Betroffene fühlen sich getäuscht

Kinder mit und ohne Handicap sollten möglichst gemeinsam unterrichtet werden. Dieses Ziel der Vereinten Nationen ziehen nur wenige in Zweifel. Der Weg dorthin ist allerdings holprig - auch in NRW gibt es noch viele Baustellen.

Freitag, 03.05.2019, 16:52 Uhr aktualisiert: 03.05.2019, 17:02 Uhr
Schulen: Lernen mit Behinderten: Betroffene fühlen sich getäuscht
Foto: Marcel Kusch

Düsseldorf (dpa/lnw) - Bildungsgewerkschafter, Behindertenverbände und die Schülervertretung sehen in Nordrhein-Westfalen Rückschritte beim gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Handicap. Zwar sei es im Grundsatz richtig, dass die Landesregierung in einem Erlass Qualitätskriterien für inklusive Bildung definiert habe, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Bildung und Erziehung (GEW), Dorothea Schäfer , am Freitag in Düsseldorf. Allerdings gebe es keinerlei rechtsverbindliche Standards, etwa für die personelle und sächliche Ausstattung, Raumgrößen oder die geforderte «systematische» Lehrerfortbildung.

Somit zeichne sich vier Monate vor Beginn des neuen Schuljahres ab, dass keine der versprochenen Verbesserungen erfüllt werde. Der Erlass gilt seit Oktober 2018 und soll vom nächsten Schuljahr an ab Klasse 5 schrittweise umgesetzt werden. In der jetzigen Übergangsphase laufe die Kritik daher «ins Leere», entgegnete Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Schäfer sprach dagegen von einem «Jahr der Enttäuschung». Das von den weiterführenden Schulen verlangte Inklusionskonzept hätten die meisten aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit noch gar nicht erstellen können. Es habe dafür auch keine Handreichung gegeben.

«Die angekündigten Personalstellen für das kommende Schuljahr sind bislang nicht einmal ausgeschrieben.» Ob sie angesichts des Mangels an Lehrern und Sozialpädagogen überhaupt besetzt werden könnten, sei mehr als fraglich, erklärte die Gewerkschafterin.

«Es wird flächendeckend keine kleineren Klassen für die Inklusion geben.» Die von Gebauer propagierte Formel von maximal 25 Schülern pro inklusiver Klasse sei nirgendwo rechtsverbindlich hinterlegt. «Realität werden in den meisten Fällen unverändert 27 bis 30 Schüler sein.»

Die Vizechefin der oppositionellen SPD-Fraktion, Eva-Maria Voigt-Küppers, sprach von einer trügerischen «Zauberformel». Gebauers Konzept sei «mehr Schein als Sein».

Die Ministerin hielt dagegen: «Mit zusätzlichen Investitionen von insgesamt rund 1,9 Milliarden Euro bis 2025 setzt die Landesregierung ein deutliches Zeichen.» Bis zum Schuljahr 2024/25 würden mindestens 6000 Stellen mehr für gemeinsames Lernen zur Verfügung gestellt als von der rot-grünen Vorgängerregierung vorgesehen. «Die Landesregierung steht zum Menschenrecht auf Inklusion.»

Das 2018 mit zahlreichen Sozial- und Behindertenverbänden sowie Eltern- und Schülergremien gegründete «Bündnis für inklusive Bildung» warf Gebauer «Täuschung» vor. Es sei zu befürchten, dass viele Regelschulen die «schwammigen Formulierungen» ihres Erlasses nutzten, um sich aus dem Unterricht für Kinder mit Handicap zurückzuziehen, kritisierte der Landesvorsitzende des Inklusionsfachverbands «Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen», Bernd Kochanek.

Gymnasien könnten nun mit einem einfachen Beschluss der Schulkonferenz aussteigen. Damit würden Eltern von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wieder zu Bittstellern. Das sei ein Verstoß gegen die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und gegen das NRW-Schulgesetz.

Die Landesschüler*innenvertretung sprach von einem «blamablen Desinteresse an der schulischen Inklusion». Die Inklusion auf's Abstellgleis zu setzen, sei «ein demokratischer Rückschritt», warnte ihr Vertreter, Nikolaj Grünwald.

Der Lehrerverband Bildung und Erziehung kritisierte, dass die Grundschulen bei der Neuausrichtung des Inklusionskonzepts nicht berücksichtigt worden seien. Dabei könne eine frühe individuelle Förderung die Bildungsbiografie aller Kinder stärken, unterstrich Landeschef Stefan Behlau in einer Mitteilung.

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