Archäologie
Wo die Römer rasteten: Laienforscher macht große Entdeckung

Wenn römische Soldaten vor 2000 Jahren durchs Germanenland marschierten, brauchten sie natürlich auch mal eine Pause. Ein «Marschlager» der Soldaten am Rand von Bielefeld hat ein Hobbyforscher entdeckt. Die Wissenschaft ist begeistert.

Mittwoch, 08.05.2019, 16:51 Uhr aktualisiert: 08.05.2019, 17:02 Uhr
Eine Auszubildende zur Grabungstechnikerin des LWL zeichnet die freigelegte Stelle des römischen Marschlagers nach.
Eine Auszubildende zur Grabungstechnikerin des LWL zeichnet die freigelegte Stelle des römischen Marschlagers nach. Foto: Guido Kirchner

Bielefeld (dpa/lnw) - Reichlich Versuch und Irrtum waren nötig, bis er fand, was er suchte. Doch nach akribischer Suche hat der begeisterte Geschichtsfan und Laienforscher René Jansen Venneboer eine Entdeckung gemacht, die Archäologen als «einzigartig in Westfalen» und «wichtiges Puzzleteil» zur Rekonstruktion der römischen Geschichte beschreiben: Tausende Römer waren hier, machten vor rund 2000 Jahren Halt in einem Waldstück, das heute am Rande von Bielefeld liegt.

Das Marschlager, das Venneboer erst auf Bilddaten und Scans der Erdoberfläche anhand eines langen Erdwalls und dann in der Realität identifiziert hat, gilt den hinzugezogenen Forschern des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) als wichtiger Baustein bei der Beschreibung der Routen, die die Römer von der Lippe zur Weser nahmen. «Das Netz der römischen Lager in Westfalen verdichtet sich», sagte die LWL-Archäologin und Römerfachfrau Bettina Tremmel bei der ersten öffentlichen Präsentation der Fundes am Mittwoch.

Für ein ungeübtes Auge sind die Reste des Lagers zwischen vielen Bäumen leicht zu übersehen: Ein etwa 40 Zentimeter hoher, mit Buschwerk und Grün überwucherter Erdwall umschließt in drei Himmelsrichtungen ein 26 Hektar großes Gelände, an einer Seite schließt ein Bach das Areal ab. Und doch schwärmen die Forscher: Gemessen am Erhaltungszustand des überirdischen Bodendenkmals sei der Fund für die Region wirklich einzigartig. Meist fielen solche Anlagen im Zuge der Jahrhunderte Ackerbau oder Siedlungen zum Opfer.

Hier bietet sich den Archäologen nun die Möglichkeit, das riesige Gelände Stück für Stück zu erkunden. Zwei Jahre lang hielten sie den Fund geheim, gingen erst jetzt mit ersten Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit. An zwei Ausgrabungsstellen haben sie inzwischen einen Graben vor dem Wall freigelegt. Außerdem belegen zwei zum Halbkreis geformte Eingänge, sogenannte Clavicula-Tore, dass hier die Römer aus der Zeit des Augustus gewirkt haben. Solche Marschlager sollten auf Feldzügen Schutz vor Feinden bieten. Eine Nacht lang rasteten hier bis zu drei Legionen und die dazugehörigen Gefolgsleute in Zelten.

Die Forscher gehen davon aus, dass römische Legionen hier mindestens einmal Station machten, als sie im Zuge der berühmten Germanienfeldzüge auf dem Weg von der Lippe zur Weser waren. Vielleicht habe man hier eine neue Marschroute entdeckt, die auch öfter genutzt wurde, glauben die Forscher. In der Zeit vor 2000 Jahren marschierten römische Legionen mehrfach von der Lippe gegen den Stamm der Cherusker, die zwischen Teutoburger Wald und Weser siedelten.

Ein Tagesmarsch sei es vom östlichsten Punkt an der Lippe, wo sich ebenfalls ein Lager befindet, bis ins nun entdeckte Lager im Bielefelder Ortsteil Sennestadt, erläutert Tremmel. Den Standort jedenfalls wählten die Römer klug an einem Bach, sagt sie. Hinter ihnen lag die trockene Landschaft der Senne, vor ihnen der Teutoburger Wald: «Sie werden trockene Münder gehabt haben, als sie hier ankamen.» Von hier aus ging es in mindestens zwei Tagesmärschen weiter an die Weser – genauer nach Barkhausen in Minden, wo bereits ein weiteres Marschlager nachgewiesen ist.

Vieles ist noch unklar und wird sich vielleicht nie genau sagen lassen - etwa aus welchem Jahr das Marschlager exakt stammt oder welcher Feldherr hier genau seine Truppen in die Schlacht gegen die Germanen führte. Bei all diesen Fragen sei das Marschlager bei Sennestadt ein wichtiges historisches Puzzleteil, das zumindest eines nahelege: «Es zeichnet sich ab, dass das Römische Feldheer nicht wie ein großer Lindwurm durch das Land zog, sondern dass es auf Haupt- und Nebenrouten unterwegs war», sagt Tremmel.

Die Hoffnung der Archäologen, über Funde im Erdreich des Lagers eine genauere Datierung zu bekommen, ist jedoch nur vage. «Es ist durchaus möglich, dass wir kaum etwas finden, schließlich war das nur ein sehr kurz genutztes Lager», sagt Tremmel. Die weitere Erforschung des Geländes wird nach Ansicht des LWL noch Jahre dauern.

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