Kriminalität
«Die Ehre der Familie»: Lagebild sieht 104 kriminelle Clans

Wie mächtig sind kriminelle Clans in Deutschland? Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat nun das bundesweit erste Lagebild zum Phänomen präsentiert. Es hält eine Überraschung parat: Die meisten Verdächtigen haben die deutsche Staatsbürgerschaft.

Mittwoch, 15.05.2019, 17:19 Uhr aktualisiert: 15.05.2019, 17:32 Uhr
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, spricht im Landeskriminalamt.
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, spricht im Landeskriminalamt. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Im bundesweit ersten Lagebild zur Clan-Kriminalität verortet die Polizei in Nordrhein-Westfalen 104 kriminelle Clans. Allein in den Jahren 2016 bis 2018 sollen diese für rund 14 000 Straftaten verantwortlich sein, begangen von 6500 Verdächtigen, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf. Jede fünfte Straftat gehe dabei auf das Konto von nur zwei Clans.

Unter den Verdächtigen seien 380 Intensivtäter überwiegend im Alter zwischen 14 und 26 Jahren, die etwa jede dritte Tat verübten. «Clan-Kriminalität ist keine Kleinkriminalität», sagte Reul. Von den Straftaten seien 26 Tötungsdelikte, davon 24 Versuche und zwei vollendete. Es gehe auch um Raub, Erpressung und Körperverletzung. Die Hochburg der Clans in NRW sei Essen.

Die meisten Verdächtigen mit Clan-Hintergrund seien Deutsche (36 Prozent), gefolgt von Libanesen (31), Türken (15) und Syrern (13). Der Ursprung der Clans seien türkisch-arabischstämmige Großfamilien. «Viele Clan-Mitglieder haben keinen oder einen niedrigen Schulabschluss, aber große Erwartungen an ihren Lebensstandard», sagte Kriminaldirektor Thomas Jungbluth .

Einige Clans hätten eine niedrige dreistellige Zahl von Mitgliedern, anderen könnten mehr als 1000 Menschen zugerechnet werden. Das Grundprinzip der Clans sei: «Die Familie ist alles und die Ehre der Familie geht über alles», sagte Jungbluth.

Einkünfte würden aus Drogenhandel, Shisha-Bars, Wettbüros und dem Autohandel kommen, aber auch aus Betrugsmaschen etwa als falsche Polizisten und betrügerische Schlüsseldienste sowie dem Sozialleistungsbetrug.

Einige Clans arbeiteten mit subtilen Drohungen, andere mit offener Aggressivität. Über Telefonketten könnten rasch zahlreiche Mitglieder mobilisiert werden, etwa um sich gegen Polizeimaßnahmen zu wehren. Es seien Verbindungen zu Gangster-Rappern und Rockergruppen entdeckt worden.

Die meisten Straftaten aus dem Clan-Milieu registriert das 30-seitige Lagebild in Essen, gefolgt von Gelsenkirchen, Recklinghausen, Duisburg, Bochum und Dortmund. Die erste Stadt außerhalb des Ruhrgebiets folgt mit Köln an siebter Stelle.

Es gebe Clans, die zahlten nur etwa jedes zweite Bußgeld für Verkehrsdelikte, berichtete Reul. Die Clan-Mitglieder glaubten offenbar, sie müssten nichts fürchten. «Genau das muss sich ändern.» Man verfolge eine «Strategie der 1000 Nadelstiche» und der Null-Toleranz auch bei kleineren Delikten.

Die Polizei in Gelsenkirchen berichtete, die Ermittlungen und der ständige Kontrolldruck zeigten bereits Wirkung. So habe es seit vergangenem Sommer in Gelsenkirchen keinen inszenierten Tumult mehr gegeben, der einem Clan zuzurechnen sei.

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