Kindesmissbrauch
Schulen wurden nicht über Missbrauchsfälle von Lügde informiert

Düsseldorf/Lügde -

Über die ersten Verdachtsfälle zum massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde haben die betroffenen Schulen im Kreis Lippe nur über Umwege, aber nicht über amtliche ­Kanäle erfahren. 

Mittwoch, 15.05.2019, 19:46 Uhr aktualisiert: 15.05.2019, 20:23 Uhr
Polizisten sichern die Spuren in Lügde.
Polizisten sichern die Spuren in Lügde. Foto: Christian Althoff

So erfuhr die Schulleitung der Grundschule, die das Pflegekind des Hauptverdächtigen An­dreas V, besuchte, im November 2018 zuerst von anderen Schülern, dass das Mädchen vom Jugendamt in Obhut genommen wurde. Wenige Tage später habe der beschuldigte und bis dahin Pflegevater der Klassen­lehrerin persönlich berichtet, dass die Schülerin bei einer anderen Pflegefamilie untergebracht sei und dass gegen ihn wegen sexueller Übergriffe ermittelt werde.

Diese Darstellung findet sich in einem Bericht zum Missbrauchsskandal von Lügde, den Schulministerin Yvonne Gebauer ( FDP ) am Mittwoch dem Schul­ausschuss des Landtages auf Bitten der Grünen-Fraktion vorgelegt hat.

Krisenmeldung von der Bezirksregierung

Danach habe die Schul­leitung die Kollegen einer weiteren Grundschule, die ge­meinsame Schulsozialarbeiterin, die Schulpsychologin und die untere Schulaufsicht informiert. Der letzte Schritt geschah dem Bericht zufolge auch zeitverzögert erst am 13. Dezember. Die obere Schulaufsicht sei fünf Tage später durch die Psychologin unterrichtet worden.

Und auch sonst waren die Schulen offenbar am Ende der Informationskette: Die Leitung einer weiterführenden Schule sei Ende Januar dieses Jahres aufmerksam geworden, als die Dimension des Falles öffentlich bekannt wurde. Und in Paderborn sei die Leitung einer Schule erst aufmerksam geworden, als Ermittlungsbeamte Ende Februar auf dem Schul­gelände einen Schüler zu einer Vernehmung abholen wollte. Diese Schule habe bereits vorher Kontakt mit dem Jugendamt wegen zweier Verdachtsfälle gehabt, die aber keinen Hinweis auf Missbrauch ergeben hätten, heißt es in Gebauers Bericht, in dem sie sich auf die Angaben des Kreises Lippe stützt.

Missbrauch auf Campingplatz

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  • Drei Männer sollen auf einem Campingplatz in Lügde im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt haben.  

    Foto: Christian Müller
  • Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt.

    Foto: Christian Müller
  • Einer der Dauercamper, den hier alle kannten und beim Spitznamen riefen, soll zusammen mit zwei weiteren Männern Kinder missbraucht haben – insgesamt etwa 20, sagt die Staatsanwaltschaft Detmold.

    Foto: Christian Müller
  • Frank Schäfsmeier führt den Campingplatz »Eichwald« in Lügde. »Wir können nicht fassen, was hier passiert sein soll.« 

    Foto: Christian Müller
  • Polizisten haben rot-weißes Absperrband um die Parzelle gezogen, auf der der Hauptbeschuldigte seit Jahrzehnten gelebt hat. 

    Foto: Christian Müller
  • Dass der Junggeselle vor etwa zwei Jahren mit einem kleinen Mädchen auf dem Campingplatz »Eichwald« auftauchte, hat angeblich niemanden stutzig gemacht.

    Foto: Christian Müller
  • Zwei alte Wohnwagen, rundherum ein paar marode, hölzerne Anbauten...

    Foto: Christian Müller
  • ... die Unterkunft wirkt heruntergekommenen.

    Foto: Christian Müller
  • Ein arbeitsloser Junggeselle, der in einem Wohnwagen lebt und trotzdem nach eigenen Angaben vom Jugendamt ein Pflegekind anvertraut bekommt – der Fall wirft Fragen auf, zumal der Mann jetzt unter Missbrauchsverdacht in Untersuchungshaft sitzt. 

    Foto: Christian Müller
  • Ganz geheuer war die Sache dem Jugendamt aber wohl doch nicht. Nach  WESTFALEN-BLATT  -Informationen soll die Behörde den Mann aufgefordert haben, sich eine richtige Wohnung zu suchen.

    Foto: Christian Müller
  • Die fand er 2018 nicht weit vom Campingplatz entfernt über der früheren Sparkassenfiliale von Elbrinxen. 

    Foto: Christian Müller
  • Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft: »Ich habe mitbekommen, dass er die Wohnung tapeziert hat. Aber eingezogen ist er bis heute nicht.« 

    Foto: Christian Müller
  • Die Pflegetochter soll aus dem benachbarten Niedersachsen stammen und ins zweite Schuljahr gehen. 

    Foto: Christian Müller
  • Sie soll ebenfalls zu den Opfern gehören und von ihrem Pflegevater missbraucht worden sein.

    Foto: Christian Müller
  • Die drei Verdächtigen - 56, 48 und 33 Jahre alte Männer - befinden sich in Untersuchungshaft.

    Foto: Christian Müller

Zur Frage, ob niemand vorher Hinweise auf Missbrauch erkannt hat, heißt es nüchtern: „Nach gegenwärtigen Erkenntnissen waren für weitere Lehrkräfte keine Anzeichen von sexuellem Missbrauch ersichtlich.“ Das Schulministerium selbst sei am 19. Dezember mit einer Krisenmeldung von der Bezirksregierung in Detmold ins Bild gesetzt worden.

Anlaufstelle für Kinder und Eltern

Vor Ort sei zugleich das schulische Krisenmanagement angelaufen, seien die Jugendhilfe und die Beratungsstellen in NRW und Niedersachsen eingeschaltet worden, um Kindern und Eltern eine Anlaufstelle zu ­eröffnen. Vor allem die Schulpsychologen hätten schnell reagiert und auch Lehrer und Schulleitungen bei ihrem weiteren Vor­gehen beraten. Allen Schulen steht für solche Fälle ein sogenannter Notfallordner zur Verfügung.

In ihrem Bericht schreibt Gebauer auch, dass die Grundschulen im Kreis Lippe „seit Jahren Projekte zur Ich-Stärkung durchführen“. Jetzt solle ein durchgängiges Angebot ermöglicht werden. Allgemeiner schreibt Ge­bauer, das Projekt „Mein Körper gehört mir“ gehöre in vielen Grundschulen zum festen Programm. Für Lehrkräfte habe es in Informationsveranstaltungen unter dem Titel „Kein Raum für Missbrauch“ gegeben.

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