Prozesse
Haarwuchsmittel-Prozess: Kläger fordert Schmerzensgeld

Haarausfall, eine Glatze droht. Pillen mit Finasterid können helfen - der gesundheitliche Preis dafür scheint aber mitunter gewaltig. Ein Geschädigter verklagt nun einen Pharmahersteller. Ein Präzedenzfall?

Mittwoch, 22.05.2019, 17:19 Uhr aktualisiert: 22.05.2019, 17:32 Uhr
Die Glatze eines Mannes.
Die Glatze eines Mannes. Foto: Ralf Hirschberger

Paderborn (dpa) - Er hat Pillen geschluckt gegen Haarausfall - und dafür gesundheitlich einen extremen Preis gezahlt. So schildert es ein Kläger, der nach Einnahme eines Haarwuchsmedikaments nun von einem Pharmahersteller 100 000 Euro Schmerzensgeld verlangt. Sein Prozess begann am Mittwoch vor dem Landgericht Paderborn. In der Verhandlung gab der Mann aus Nordrhein-Westfalen an, er leide seit Jahren unter schweren Nebenwirkungen, einem «Post-Finasterid-Syndrom». Der Fall sorgt für Aufsehen, denn der Wirkstoff Finasterid wird tausendfach in Deutschland verschrieben - und es gibt viele Problemmeldungen.

Die Haarwuchspillen hätten beim Kläger gravierende Nebenwirkungen ausgelöst, sagt Stephan Bensalah von der Roland ProzessFinanz AG, einem Prozessfinanzierer, der den «Musterfall» unterstützt. Der klagende Diplomkaufmann - seinen Namen wolle der Mittdreißiger möglichst nicht öffentlich machen - leide nach vier Jahren Pillen-Einnahme unter Depressionen mit Suizidgedanken, sexuellen Einschränkungen wie Erektionsstörungen, Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Der Kläger könne nur begrenzt arbeiten, berichtet Bensalah der Deutschen Presse-Agentur.

Das beklagte Unternehmen betonte, die vorgebrachten Gesundheitsbeschwerden des Klägers seien nicht vom genannten Arzneimittel verursacht. Berichtete «unerwünschte Ereignisse» nach Einnahme würden stets erfasst, analysiert und den zuständigen Behörden gemeldet.

Der Wirkstoff ist in mehreren verschreibungspflichtigen Arzneimitteln enthalten und wird zur Behandlung von veranlagungsbedingtem Haarausfall oder einer gutartigen Prostatavergrößerung verordnet. Da die Krankenkassen die Kosten für das Medikament in der Regel nicht übernehmen, ist schwer zu beziffern, wie häufig es verkauft wird. Auf jeden Fall handelt es sich um einen gängigen Wirkstoff.

Experte Uwe Höller geht davon aus, dass Finasterid der am meisten verordnete Wirkstoff in Deutschland gegen Haarausfall ist und jedes Jahr Tausende Male über die deutschen Apotheken abgegeben wird. Der Mediziner aus Bergisch Gladbach behandelt Patienten mit «Post-Finasterid-Syndrom» - Männer vor allem mit psychischen Störungen. Höller ist der Meinung, dass Finasterid nicht mehr bei Haarausfall verschrieben werden solle.

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist die Wirksamkeit bei veranlagungsbedingten Hausaufall beim Mann belegt. «Das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Finasterid wurde im Rahmen der Zulassung und auch weiterhin im Rahmen der fortlaufenden Überwachung auf europäischer Ebene als positiv bewertet», erläutert eine BfArM-Sprecherin. Aber: Nebenwirkungen wie Depressionen und sexuelle Funktionsstörungen seien in Studien nachgewiesen - und diese dauerten auch nach einem Stopp der Therapie «Monate bis Jahre» weiter an. In einzelnen Fallberichten sogar länger als zehn Jahre.

Zulassungsinhaber und Vertreiber finasteridhaltiger Arzneimittel hatten Ärzte erst kürzlich - im Sommer 2018 - in Absprache mit dem BfArM über einen «Rote-Hand-Brief» über Risiken informiert: Sexuelle Dysfunktionen, verminderte Libido könnten auf Finasterid-Einnahme folgen, auch Depressionen mit Suizidgedanken. Es gebe viele Geschädigte, unterstreicht das Unternehmen Roland ProzessFinanz. Eine weitere «Musterklage» laufe in Berlin, eine dritte sei für Oktober in Stuttgart geplant.

In Paderborn gab es schon am ersten Tag einen Teilerfolg: Das beklagte Pharmaunternehmen muss dem Kläger ausführlich Auskunft geben zu Wirkungen, Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und bekanntgewordenen Verdachtsfällen, wie ein Gerichtssprecher berichtete.

Hinter den drei Klägern stehen laut dem Prozessfinanzierer acht «außergerichtliche Teilnehmer», die eigene Klagen anstreben. Einer davon ist Thomas M. aus Nordrhein-Westfalen. «Ich bin annähernd impotent, habe starke Schmerzen im Unterleib, von unangenehm bis unerträglich», schildert der 36-Jährige. Er könne nicht schlafen, der Hormonhaushalt sei angegriffen, sein sexuelles Verlangen erloschen.

Aus einem gesunden, aktiven und positiven Typ sei ein übergewichtiger, schmerzgeplagter Mensch mit Depressionen geworden - obwohl er das Mittel schon Ende 2015 abgesetzt habe. Seinen Kinderwunsch müsse er begraben. Thomas M. will vor allem eines erreichen: «Mein Ziel ist, dass Finasterid vom Markt verschwindet.»

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