Wenn die Konkurrenz abwirbt
Ablösesumme für Azubis?

Rheine/Berlin -

Im Handwerk ist die Ausbildung von Lehrlingen besonders teuer – und Fachkräfte sind knapp. Deshalb werden jetzt Stimmen laut, die völlig neue Wege vorschlagen: zum Beispiel Ablösesummen für Auszubildende.

Montag, 03.06.2019, 15:42 Uhr aktualisiert: 03.06.2019, 16:10 Uhr
Auszubildende verursachen in den Handwerksbetrieben vor allem zu Beginn der Ausbildung hohe Kosten.
Auszubildende verursachen in den Handwerksbetrieben vor allem zu Beginn der Ausbildung hohe Kosten. Foto: colourbox (Symbolbild)

Betriebe könnten nach Überlegungen aus dem Handwerk künftig Ablösesummen zahlen, wenn sie Azubis gleich nach der Lehre von der Konkurrenz abwerben. Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, arbeiteten im Laufe ihres Berufslebens in anderen Wirtschaftsbereichen, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer am Montag in Berlin. „Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben.“ Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsbetriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren.

Pläne: Neuer Arbeitgeber soll Teil der Ausbildungskosten übernehmen

Konkret könnte man regeln, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt, erklärte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Denn die Betriebe stecken während der dreijährigen Lehre viel Geld in ihre Azubis – oft mit dem Hintergedanken, die jungen Leute später zu übernehmen und dann ohne lange Einarbeitung direkt einsetzen zu können.

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ZDH-Präsident Peter Wollseifer fordert eine Ablösesumme für Lehrlinge.         Foto: Oliver Berg/dpa

Frank Tischner, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Steinfurt/Warendorf in Rheine, nannte Wollseifers Vorstoß gegenüber unserer Zeitung „einen charmanten Gedanken“, meldete allerdings gleichzeitig „arbeitsrechtliche Bedenken“ an. „Jugendliche brauchen die Freiheit, sich nach der Ausbildung entscheiden zu können, wie sie wollen“, sagte Tischner.

Jugendliche brauchen die Freiheit, sich nach der Ausbildung entscheiden zu können, wie sie wollen.

Frank Tischner, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Steinfurt/Warendorf

Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich. Insgesamt zahle der Betrieb aber immer drauf, sagte Wollseifer. „Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld – im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein.“ Dieser Berechnung schloss sich auch der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerker Steinfurt/Warendorf an.

Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18.000 Euro  – zugleich aber erwirtschaftet der Lehrling rund 12.500 Euro . Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15.000 Euro  kosten.

Geplanter Mindestlohn für Azubis

Einige Branchen müssen derzeit zudem damit rechnen, dass die Ausbildung noch teurer wird. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plant einen Azubi-Mindestlohn : Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro  im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben. Das Handwerk sei von diesen Regelungen besonders betroffen, sagte Wollseifer – „weil wir der stärkste Ausbilder sind“. 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernten in Handwerksbetrieben.

Die meisten von ihnen verdienen schon jetzt mehr als den geplanten Mindestlohn – aber längst nicht alle.

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