Kriminalität
Hochzeits-Gebote der Polizei: Flyer soll Feiernde zügeln

Nach «Hochzeits-Blockaden», Pyrotechnik und sogar Schüssen am «schönsten Tag des Lebens» verteilt die Polizei in NRW jetzt Flyer, um Feiernde vor Verstößen zu warnen. Bei der Polizeigewerkschaft und einer Hochzeitssaal-Betreiberin aus Essen kommt das bestens an.

Dienstag, 04.06.2019, 16:47 Uhr aktualisiert: 04.06.2019, 17:02 Uhr
Eine junge Frau betrachtet einen Flyer der Polizei mit Verhaltensregeln für Hochzeitsgesellschaften.
Eine junge Frau betrachtet einen Flyer der Polizei mit Verhaltensregeln für Hochzeitsgesellschaften. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die erste Seite der Broschüre wirkt noch romantisch: Eine rote Rose am Außenspiegel, unter dem Foto die Zeile «Hinweise für Hochzeitsfeiern». Nach kurzem Glückwunsch («Die NRW-Polizei gratuliert Ihnen recht herzlich») wird's schnell robust: «Halten Sie sich an die Verkehrsregeln», «Provozieren Sie keine Staus», «Zünden Sie keine Feuerwerkskörper», «Führen Sie keine Waffen mit». Diese Gebote geben die Sicherheitsbehörden in einem schmalen Flyer vor allem türkischen Hochzeitsgesellschaften mit. Ab sofort soll die Broschüre in Festsälen ausgelegt werden. Sie ist Teil eines Aktionsplans des Innenministeriums gegen eskalierende Hochzeits-Korsos.

Allein in den vergangenen zwei Monaten war die Polizei laut Innenministerium 129 Mal mit dem Anlass «Hochzeitsfeier» ausgerückt - wilde Korsos, Autobahnblockaden, Schüsse (36 mal gemeldet) und Pyrotechnik, die auf Straßen abgebrannt wurde. Nachdem eine Hochzeitsgesellschaft die A3 bei Ratingen abgesperrt und für Filmaufnahmen missbraucht haben soll, hatte es vor gut zwei Wochen sogar Razzien der Polizei gegeben.

Während des Ramadan hatte sich die Lage laut Polizei zuletzt beruhigt. Aber seit dieser Woche ist der Fastenmonat vorbei - und Innenminister Herbert Reul (CDU) ließ pünktlich einen Aktionsplan an alle Polizeidienststellen schicken. Zentraler Punkt: Der ungewöhnliche Hochzeits-Flyer, der Brautpaaren und Gästen harte Konsequenzen für ausufernde Feiern aufzeigt. Mit Punkten in Flensburg wird da gedroht, dem «Verbot der gemeinsamen Weiterfahrt», einer «zeitaufwändigen Personalienfeststellung», dem «Durchsuchen von Hochzeitsgästen und Fahrzeugen», sowie Geld- und sogar Freiheitsstrafen. Einen ähnlichen Flyer gibt es bereits in Bremen. Über den aus NRW hatte die «Bild»-Zeitung zuerst berichtet.

Priorität für die Verteilung der Broschüre hat laut einem Sprecher des Innenministeriums «erst einmal die Versorgung der Polizei im Ruhrgebiet.» Dort habe man in der Vergangenheit auch die meisten Einsätze gehabt. In Duisburg verteilten Polizisten am Dienstag bereits erste Broschüren. Unter anderem in einem Brautmodengeschäft. «Wir werden sie auch in Moscheen oder Festsäle bringen, so dass wir möglichst viele Menschen erreichen», sagte eine Sprecherin der Duisburger Polizei. Neben zwei Kontaktbeamten für muslimische Kommunikation würden weitere Kollegen eingesetzt, um die Flyer in den kommenden Wochen und Monaten an den Mann und die Frau zu bringen.

Tülay Koca (51) will sie auf jeden Fall verteilen, am besten «gleich dem Vertrag beilegen». Die Hochzeitssaal-Betreiberin Koca - von der «BILD»-Zeitung zur «Königin der Hochzeiten» gekrönt - führt unter anderem den «Prenses Palace» in Essen. Ein Festsaal für 500 Gäste, in dem jeden Freitag, Samstag und Sonntag Hochzeiten gefeiert werden. «Nur im Ramadan und in den Ferien ist es ruhiger», so Koca. Seit 15 Jahren organisiert sie Hochzeiten - eine Eskalation wie in den letzten Monaten hat sie vorher nie erlebt: «Das liegt sicherlich an den Sozialen Medien. Diese Auto-Korsos werden ja alle gefilmt und verteilt. Und dann will jeder noch cooler sein als der andere.»

Verständnis hat sie dafür nicht: «Eigentlich soll es darum gehen, auszudrücken, dass man seine Freude mit dem Brautpaar teilt. Ein Stau oder Waffen haben damit nichts zu tun.» So rückten nun ein «paar Bekloppte» türkische Hochzeiten generell in ein schlechtes Bild. «Wobei die Beteiligten ja oftmals nicht mal Türken sind», betont Koca. Da hat sie recht: Bei der Blockade auf der A3 sollen laut Innenministerium auch ein Deutsch-Marokkaner, ein Deutsch-Pole, ein Deutsch-Kosovare und ein Tunesier dabei gewesen sein. Schlechtes Benehmen kennt keine Grenzen.

Und so begrüßt auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) die Flyer des Innenministers. «In der Klarheit liegt die Wahrheit», sagt GdP-NRW-Chef Michael Mertens über die harten Sätze in der Broschüre. Eigentlich seien Hinweise wie «Führen Sie keine Waffen mit» ja eine Selbstverständlichkeit. «Aber die Notwendigkeit ist leider gegeben, aufzuklären», sagt Mertens: «Das haben die letzten Monate gezeigt.» Was die GdP laut Mertens besonders gut findet: Zu dem Aktionsplan des Innenministers gehört neben dem Flugblatt auch die Ankündigung, Polizeihubschrauber zur Beweissicherung einzusetzen. In etlichen Fällen hatten sich Auto-Korsos nämlich schon aus dem Staub gemacht, wenn die Streifenwagen da waren. Helikopter, Razzien und die Androhung von Gefängnisstrafen - manche Feiernde dürften damit alles andere als den «schönsten Tag ihres Lebens» haben.

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