NRW-Arbeitsminister besucht Roma-Siedlung in Rumänien
Zwischen Ausgrenzung und Armut

Targu Mures -

Als der Bus von der Landstraße auf eine Schotterpiste einbiegt, spürt Karl-Josef Laumann es auch körperlich: Ruckelnd und schaukelnd bringt das tonnenschwere Fahrzeug den NRW-Sozialminister und seine Delegation mit Unternehmer- und Gewerkschaftsvertretern zur wohl schwierigsten Etappe seiner dreitägigen Rumänienreise.

Montag, 17.06.2019, 16:10 Uhr
NRW-Arbeitsminister Karl Josef Laumann besuchte im rumänischen Dorf Cotus eine Roma-Siedlung.
NRW-Arbeitsminister Karl Josef Laumann besuchte im rumänischen Dorf Cotus eine Roma-Siedlung. Foto: Hilmar Riemenschneider

Die Besuche in nagelneuen Produktionshallen deutscher Unternehmen, die Gespräche in kühlen Konferenzräumen über die in Deutschland und auch zu Hause gefragten rumänischen Fachkräfte rücken auf der steinigen Piste in den Hintergrund.

Draußen ziehen alte, verfallende Häuser vorbei, bis der Bus das in einem Tal gelegene Bauerndorf Cotus erreicht. Die letzten Meter geht Laumann zu Fuß. In sengender Sonne bei mehr als dreißig Grad macht er sich mit Bürgermeister Szabolcs Sofalvi , zu dessen Gemeinde Sangeorgiu de Mures gehört Cotus, auf den Weg in eine Siedlung von 300 Roma. „Alle Häuser hier sind illegal“, bemerkt der Bürgermeister zu den oft nur notdürftig aus Stein, Holz und Wellblech gebauten Hütten und Häusern. Trotzdem hat er Wasser- und Abwasserrohre und Strom verlegen lassen.

Am Ende des Dorfes, bevor die staubige Straße in einem schmalen Feldweg mündet, wartet die Familie von Sarina Tarima und Adam Bolazs mit ihren elf Kindern. Sie wissen, dass sie heute hohen Besuch bekommen, dass sie ihre ärmlichen Verhältnisse gewissermaßen zur Schau stellen. Maria Recsei, die hier und in benachbarten Dörfern für die Caritas ein Programm für die Roma betreut, hat sie vorbereitet. Die Caritas sorgt sich darum, dass das Leben der Roma hier am Rande der Gesellschaft nicht in einer Sackgasse endet. Denn deren Armutsrisiko ist mit 84 Prozent doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Die Caritas bringt Roma-Kinder in Kitas und Schulen, nimmt die Eltern an die Hand.

„Sie müssen hier raus kommen. Dafür brauchen sie einen Job und dafür eine Schulausbildung“, sagt Bürgermeister Sofalvi. „Sie müssten ihre Mentalität ändern.“ Weil Kinder aber in der Schule ausgegrenzt werden, bleiben sie oft zu Hause. Er ist darum froh, dass die Caritas nicht locker lässt.

Ausgrenzung und Armut bedingen einander mitten im durchaus wohlhabenden Siebenbürgen. Vater Adam Bolazs verdient in der Kreisstadt Targu Mures als Bauarbeiter 400 Euro monatlich. Viele andere Väter und Mütter aus den Roma-Siedlungen sind aber windigen Geschäftemachern ins Ruhrgebiet gefolgt, wo sie sich zu horrenden Mieten in abgewirtschafteten Häusern mit vielen ein Zimmer teilen müssen und auch sonst wenig vom versprochenen Geld behalten. Oft bleibt ihnen nicht mal das vom deutschen Staat rechtmäßig gezahlte Kindergeld.

Dass sich in einer verzweifelten Lage viele auf den Weg nach Deutschland machen, verstehe er zwar jetzt, meint Laumann, als er Cotus hinter sich lässt. Aber es sei inakzeptabel, dass die sozialen Probleme Rumäniens aufs Ruhrgebiet abgewälzt würden. „Das wird mir nicht so schnell aus dem Kopf gehen“, sagt der Minister. „Was bringt es für ein Unglück über die Menschen, wenn sie diskriminiert werden, nur weil sie einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angehören.“

Zerrissene Familien sind dabei nicht nur ein Roma-Schicksal. Von den fast 19 Millionen Rumänen arbeiten vier Millionen im Ausland – mehr als jeder Fünfte. Etwa 130 000 sind es in NRW. Die Vorsitzende des Sozialausschusses im Landtag, die Gelsenkirchener SPD-Abgeordnete Heike Gebhard, fasst das Spannungsverhältnis in einen Satz: „Die Bandbreite reicht von gut ausgebildeten Menschen, die auch zu Hause dringend gebraucht würden, bis zu denen, die hier keine Chance haben – aber bei uns auch nicht.“ Die soziale Schere in Europa dürfe nicht weiter auseinandergehen.

Laumann nickt. Beide haben dabei auch die vielen Werkvertrags-Arbeitnehmer aus Rumänien im Blick, ohne die viele Branchen nicht mehr auskommen. Die aber oft zu unfairen Konditionen eingesetzt würden. „Wir müssen in Europa zeigen, dass Freizügigkeit nicht Ausbeutung bedeutet.“

Rumänen in NRW

Etwa 580 Euro beträgt der Durchschnittslohn in Rumänien – bei durchaus hohen Lebenshaltungskosten. Rund vier Millionen Rumänen arbeiten darum im Ausland, allein 130 000 in NRW. In der Fleischwirtschaft, der Gastronomie oder der Paketbranche gehe es nicht ohne sie, sagt NRW-Arbeitsminister Laumann. „Im Münsterland gäbe es keinen Spargel- oder Erdbeeranbau ohne Arbeitskräfte aus Osteuropa.“ Er wolle für faire Arbeitsbedingungen sorgen. Beratungsstellen sollen Rumänen bei Klagen gegen Zeitarbeitsfirmen helfen, die sie um Lohn prellen. Essenziell sind osteuropäische Arbeitskräfte – besonders aus Rumänien – in der Pflege, betont Laumann. In NRW seien etwa 100 000 in Familien beschäftigt. „Ohne sie würde das Pflegesystem zusammenbrechen.“

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