Schulen
Gymnasien: Kaum gemeinsames Lernen mit behinderten Schülern

Gemeinsames Lernen mit behinderten Kindern ist für Schulen keine leichte Aufgabe, solange Personal und Sachmittel knapp sind. NRW will investieren. Allerdings ist der Fachkräftemarkt leer. Angesichts dessen kneifen offenbar viele Gymnasien in NRW.

Dienstag, 18.06.2019, 12:12 Uhr aktualisiert: 18.06.2019, 12:22 Uhr
Eine behinderte Schülerin sitzt in ihrem Rollstuhl im Klassenraum einer Schule.
Eine behinderte Schülerin sitzt in ihrem Rollstuhl im Klassenraum einer Schule. Foto: Holger Hollemann

Düsseldorf (dpa/lnw) - Weniger als sieben Prozent der öffentlichen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen bieten im kommenden Schuljahr den neuen Regelunterricht für behinderte Kinder in der 5. Klasse an. Das geht aus einer Abfrage bei allen weiterführenden Schulen hervor. Die Ergebnisse legte Schulministerin Yvonne Gebauer ( FDP ) jetzt vor.

Den vorläufigen Zahlen zufolge werden landesweit nur 35 von 511 öffentlichen Gymnasien in ihrer Eingangsklasse gemeinsames Lernen so anbieten, wie es den neuen Inklusionsstandards in NRW entspricht. Ein Erlass vom Oktober regelt, dass «Schulen des gemeinsamen Lernens», bei denen durchschnittlich drei von 25 Schülern einer Klasse sonderpädagogischen Förderbedarf haben, zusätzlich eine halbe Stelle für Inklusion erhalten.

In dieser Form wollen zum Schuljahr 2019/20 insgesamt 775 Haupt-, Real-, Gemeinschafts-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie Gymnasien für rund 6400 Kinder gemeinsames Lernen in Klasse 5 anbieten. Das ist im Durchschnitt etwa jede zweite dieser weiterführenden öffentlichen Schulen. Hinzu kämen 172 Schulen, die Einzelintegrationsmaßnahmen für insgesamt 365 Kinder planten, berichtete Gebauer.

Auffällig: Während an allen anderen Schulformen das gemeinsame Lernen im Regelunterricht bei weitem überwiegt, ist es an den Gymnasien genau umgekehrt: Hier stehen 35 Gymnasien, die gemeinsames Lernen für Kinder mit und ohne Handicaps konzipieren, 120 Gymnasien gegenüber, die Einzelförderung anbieten.

Erstmals sei nun mit der Abfrage überhaupt zwischen diesen beiden Formen differenziert worden, sagte Gebauer. Daher seien die Zahlen mit den bisherigen amtlichen Schuldaten nicht vergleichbar. Amtliche Zahlen, die die Basis für künftig belastbare Vergleiche bieten, sollen im Frühjahr 2020 vorliegen.

Die spezielle Situation an den Gymnasien entspreche dem Wahlverhalten der Eltern und den Entscheidungen vor Ort und werde nicht politisch diktiert, sagte die Ministerin. Es hätten sich durchaus mehr Schulen bereit erklärt, beim gemeinsamen Lernen mitzumachen; sie hätten aber keine entsprechenden Anmeldungen.

Nach jüngst veröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamts wurden im vergangenen Jahr rund 43 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf - über 132 0000 - an Regelschulen unterrichtet. Das waren drei Prozent mehr als im Schuljahr 2017/18. Zusätzlich wurden über 75 000 Kinder mit Handicap in speziellen Förderschulen unterrichtet: 1,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Aus Sicht der Schulministerin gibt es damit schon ein flächendeckendes Netz erreichbarer Förderangebote.

Die CDU/FDP-Koalition hatte bereits angekündigt, bis zum Schuljahr 2024/25 mit fast zwei Milliarden Euro mindestens 6000 zusätzliche Stellen für die schulische Inklusion schaffen zu wollen. Da nicht genügend Sonderpädagogen am Markt verfügbar seien, werde sich dieser Pool aber auch aus anderen Fachkräften speisen, räumte die Ministerin ein.

Die Entwicklung beweise in jedem Fall: «Wir sind nicht dabei, die Inklusion abzuschaffen.» Eine fixe Inklusionsquote verfolge sie nicht, sagte Gebauer. «Qualität muss im Vordergrund stehen, keine Quote. Wir müssen Inklusion vom Kind aus denken.» Dabei seien gut erreichbare Förderschulen genauso wichtig wie der Ausbau des Angebots für gemeinsames Lernen. Einzelintegrationsmaßnahmen müssten weiterhin möglich, angesichts des Aufwands aber die Ausnahme sein.

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