Missbrauchsfälle
Politik will Konsequenzen aus dem Fall Lügde ziehen

Düsseldorf/Lügde -

Noch in der kommenden Woche – vor der Sommerpause – will Familienminister Joachim Stamp eine konkrete Maßnahmen-Liste vorlegen, welche Konsequenzen er aus den Behördenfehlern im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs in Lügde ziehen will. Das werde kein abschließendes Konzept, sondern ein Beitrag für ein gemeinsames Vorgehen von Landesregierung und Landtag, sagte der FDP-Politiker am Donnerstag im Kinder- und Jugendausschuss des Landtags.

Donnerstag, 04.07.2019, 19:28 Uhr
Bei der Durchsuchung einer Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde stehen Polizeibeamte der Kriminaltechnik an der Campinghütte eines neuen Tatverdächtigen.
Bei der Durchsuchung einer Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde stehen Polizeibeamte der Kriminaltechnik an der Campinghütte eines neuen Tatverdächtigen. Foto: dpa

Allerdings werde er die Maßnahmen, die seine Zuständigkeit direkt betreffen, auch zügig angehen. Details nannte Stamp noch nicht. Es werde aber um Kinder und Jugendliche selbst, um Personal, um die Jugendämter und um rechtliche Regelungen gehen.

Neben den in vielen Gesprächen mit Vertretern aus Organisationen, Jugendämtern, Kommunen und Wissenschaft gewonnenen Erkenntnissen will der Minister auch Anregungen aus der ­Expertenanhörung des Ausschusses vor zehn Tagen einbeziehen. „Es ist deutlich geworden, dass wir eine Fortbildungs- und Qualifizierungsoffensive benötigen“, sagte er. Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen müssten in die Lage versetzt werden, mit den Übergriffen unter gleichaltrigen Kindern umzugehen, Täterstrategien zu erkennen und die Gefahren im Internet einzuschätzen. Bedenkenswert fand er die Idee, dass ein landesweit einsetzbares Experten-Team für besonders schwere Fällen eingerichtet wird.

Ein Thema, das die Abgeordneten umtrieb, ist für Stamp heikel: Bei den Jugendämtern, die unter kommunaler Zuständigkeit arbeiten, ist für den Landesminister jede Einmischung politisch problematisch. So drohen dem Land neue Ausgaben, wenn es eine Fallobergrenze je Mitarbeiter festlegt. Trotzdem müsse man darüber reden, betonte der CDU-Familienpolitiker Jens Kamieth . Er forderte klare Vorgaben, wie Jugendämter kooperieren sollen.

Der Fall Lügde hatte Lücken bei der länderübergreifenden Zusammenarbeit offenbart, als dem Hauptangeklagten die Pflege eines Mädchens zuerkannt wurde – ohne Freigabe durch das Jugendamt vor Ort. Wie Staatssekretär Andreas Bothe erklärte, wollen Niedersachsen und NRW im Bundesrat dafür neue Regeln durchsetzen.

Der FDP-Familienexperte Marcel Hafke ging mit Blick auf die Jugendämter einen Schritt weiter: „Ich kann nicht verstehen, warum die Jugendämter als einzige kommunale Behörde keinerlei Kontrolle unterliegen.“ Und SPD-Fraktionsvize Dennis Maelzer registrierte, dass die Vertreter der Jugendämter das Thema Qualitäts­standards „mit spitzen Fingern anfassen“.

Ein flächendeckender Ausbau von Beratungsstellen gehöre zu den drängenden Aufgaben, sagte Josefine Paul, familienpolitische Sprecherin der Grünen. Sie fand wie Kamieth Sympathie für das Amt eines Kinderschutzbeauftragten.

Für Maelzer bleibt ein ­ungelöster Aspekt: Im Fall Lügde hätten überforderte Eltern die Hinweise der Kinder nicht ernst genommen, hätten sie trotzdem zum Hauptangeklagten geschickt. „Das zeigt die gesellschaft­liche Dimension, die wir im Blick behalten müssen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6749619?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F22265%2F
Nachrichten-Ticker