Aufbruch in den Angstraum
NRW-Minister Laumann will Digitalisierung sozial gestalten

Dortmund/Düsseldorf -

Das Wort schürt Unsicherheit und Ängste, bei Arbeitnehmern und Unternehmern: Digitalisierung. Wer einen Eindruck bekommen will, wie unausweichlich und dynamisch sie den Alltag verändern kann, der muss Stefan Peukert zuhören. Der Gründer des Bochumer Startups Masterplan bewegt sich mitten in der sogenannten New Economy – in einem rasant wachsenden und sich permanent verändernden Umfeld. 

Mittwoch, 17.07.2019, 21:10 Uhr aktualisiert: 17.07.2019, 21:21 Uhr
NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (links) spricht mit Professor Dieter Kreimeier (rechts) vom Lehrstuhl für Produktionssysteme der Ruhr-Universität Bochum.
NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (links) spricht mit Professor Dieter Kreimeier (rechts) vom Lehrstuhl für Produktionssysteme der Ruhr-Universität Bochum. Foto: Ralph Sondermann

Er beschreibt, wie bei Plattformen wie Netflix oder Instagram immer mehr Wertschöpfung von wenigen Personen geschaffen wird. Wie gnadenlos die Verdrängung ist, bis ein Großer übrig bleibt. „Die Schere wird extrem weit auseinandergehen“, sagt der 34-Jährige. In San Francisco, am Silicon Valley, hat er die Schattenseiten gesehen – die wachsende Schar prekärer Arbeitnehmer, abgehängt von der Digitalisierung. „Wir müssen die Digitalisierung mit unseren Werten gestalten“, erinnert er an die soziale Marktwirtschaft.

Das, wovor Peukert warnt, ist zugleich sein Geschäftsmodell: Mastplan bietet eine Plattform für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter fit für die digitale Welt machen wollen. In Video-Lektionen erläutern ausgewiesene Experten der Branche Begriffe und Zusammenhänge. Peukerts Credo: „Die digitale Transformation muss von innen kommen.“

Seine Sicht erscheint meilenweit entfernt von der Welt der Handwerksbetriebe: Beim Dortmunder Elektroinstallationsbetrieb Werner Kocher beispielsweise hat die digitale Welt mit der Zeiterfassung für die rund 1­00 Mitarbeiter via Smartphone begonnen. Es geht auch um moderne Haustechnik, die nicht ohne Programmierung auskommt. „Wir müssen auch die Jungen schulen, die haben auch Angst“, schildert Junior-Chef Ferdinand Kocher seine Erfahrung.

Mithilfe von „Digital Excellence in NRW“, einem Beratungsangebot des Landes, gelang es, die Mitarbeiter zu überzeugen. Dass das für ältere Mitarbeiter nicht einfach ist, hat Jörg Berkowitz, dem in Bochum ein Heizungs- und Sanitärbetrieb gehört, erfahren. Er stellt trotzdem alle Geschäftsprozesse um. „Für mich ist es wichtig, dass wir auf diesem Weg auch ältere Arbeitnehmer mitnehmen“, sagt Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), der in dieser Woche mit Unternehmern über Digitalisierung redet. „Man kann nicht ein Unternehmen in eine neue Zeit führen, ohne dass man die Menschen mitnimmt.“

In größeren Unternehmen muss oft erst der Betriebsrat überzeugt werden. Das ist beim Remscheider Maschinenbauer Oerlikon Barmag gelungen, wie Betriebsratsvorsitzende Sabine Kuhlmann schildert. Ihr hat die Lern- und Forschungsfabrik am Lehrstuhl für Produktionssysteme der Ruhr-Uni Bochum mit Schulungen geholfen, ihren Kollegen die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen. Daraus ist ein Modell geworden: Mehr als 300 Betriebsräte informieren sich in Bochum, wie sich Roboter auf Arbeitsplätze auswirken. „Wenn man Industrie 4.0 anfassen kann, sind die Betriebsräte leichter zu erreichen“, sagt Professor Dieter Kreimeier.

Kommentar

Umdenken

Da reicht kein beschwichtigendes „Wird schon“. Mit der Digitalisierung drohen absehbar und unausweichlich massive Umbrüche in der Arbeitswelt. Darauf vorbereitet zu sein, ist entscheidender als die Frage, wann wo Glasfasernetz und 5G-Mobilfunk verfügbar sind. Sich vorbereiten – von Unternehmern fordert das die Bereitschaft, ihr Geschäft zu hinterfragen. Von Arbeitnehmern erfordert es, sich mit den vielen neuen Themen zu befassen, statt sie zu verdrängen.

Denn ob eine Firma den Sprung in die Digitalwelt schafft, hängt von ihren Mitarbeitern ab. Infrage stellen – das gilt auch für die Politik. Laumann hat erkannt, dass das bestehende Arbeitszeitgesetz der Digitalwirtschaft nicht gerecht wird. Flexible Strukturen brauchen Flexibilität in den Köpfen: Auch die Sozialpartner müssen umdenken.

von Hilmar Riemenschneider

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