„Flügel“-Vertreter ohne Mehrheit
Lucassen führt NRW-AfD

Kalkar -

Den „schlafenden Riesen wecken“, das fordert AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel von den Parteifreunden in NRW. Die 579 Delegierten beim Landesparteitag müssten einen klaren Neuanfang schaffen. Dafür hat die Partei zuerst alte Zöpfe ausgeschnitten.

Samstag, 05.10.2019, 14:55 Uhr aktualisiert: 05.10.2019, 15:07 Uhr
„Flügel“-Vertreter ohne Mehrheit: Lucassen führt NRW-AfD
Der neugewählte AfD-Landessprecher Rüdiger Lucassen. Foto: dpa

Die NRW-AfD hat als Konsequenz aus den zurückliegenden Flügelkämpfen die Parteispitze von zwei auf einen Sprecherposten reduziert. Als neuen Sprecher bestimmte der Landesparteitag am Samstag in Kalkar mit 59,55 Prozent der Delegiertenstimmen den Euskirchener Bundestagsabgeordneten Rüdiger Lucassen . Er setzte sich gegen den zuletzt noch im Rumpfvorstand verbliebenen Ex-Sprecher und Landtagsabgeordneten Thomas Röckemann durch, der sich mit 39,89 Prozent geschlagen geben musste. Sein Stimmenanteil entspricht der von Beobachtern eingeschätzten Stärke der völkisch orientierten Flügel-Anhänger, denen er angehört.

Zuvor hatte Lucassen sich vor den fast 580 Delegierten gegen Bestrebungen gestellt, den Einfluss des völkischen Flügels von Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke auch in NRW durchzusetzen. Die Befindlichkeiten der Menschen in Ostdeutschland auf den Westen zu übertragen, „zeugt von grenzenloser Naivität“. Der „Flügel“ sei „nicht das Problem“, die Auseinandersetzung mit ihm sei notwendig und sinnvoll. Er wolle als Sprecher aber alle Strömungen vertreten.

Eine klare Distanzierung zum „Flügel“ vermied Lucassen in seiner Rede. Später sagte er vor Journalisten: „Ich bin keinem Lager zuzurechnen.“ Kommende Woche werde er auch Höcke im Wahlkampf in Thüringen unterstützen. Er wolle der Enttäuschung im Lager Röckemanns mit Respekt begegnen. Sein Ziel bleibe es, die Partei zu einen. Er stehe nicht für Personenkult nach US-Vorbild, sondern für „preußische Tugenden“, erklärte der 68-jährige ehemalige Bundeswehroffizier.

Neben ihm bestimmten die Delegierten drei Stellvertreter. Matthias Helferich, der dem nationalkonservativen Lager zugerechnet wird, setzte sich gegen Daniel Zerbin mit 56,8 Prozent zu 38,6 Prozent durch. Als zweiten Stellvertreter wählten die Delegierten den münsterischen AfD-Kreisvorsitzenden Martin Schiller, der 51,14 Prozent der Stimmen erhielt. Er siegte gegen Verena Wester, die 45,83 Prozent erhielt. Im Rennen um den dritten Stellvertreterposten setzte sich Michael Andreas Schild aus Unna mit 57,72 Prozent der Stimmen gegen Jürgen Spenrath durch. Damit gehören er engsten Parteiführung keine Mitglieder der bisherigen „Flügel“-Vertreter in diesem Gremium mehr an.

Weidel sieht Potenzial in NRW

Die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, prognostizierte der Landespartei in einem Grußwort ein ähnliches Potenzial wie in Brandenburg oder Sachsen, weil hier Ex-Wähler von SPD und CDU zu gewinnen seien. Im größten Bundesland würden bundesweite Wahlen entschieden. Dafür müsse die NRW-AfD aber einen Neustart wagen, das sei die „große Verantwortung“ der Delegierten. „Weckt euren Landesverband, weckt den schlafenden Riesen“, rief Weidel. Damit reagierte sie auf den seit Monaten in der Landespartei tobenden Machtkampf, in dem der gesamte Vorstand außer den Vertretern des völkischen Flügels beim Parteitag Anfang Juli in Warburg zurückgetreten war. Damals war der Versuch, die Flügel-Anhänger in Nordrhein-Westfalen zurück zu drängen, im Eklat gescheitert.

Dieser Rumpf-Vorstand mit dem verbliebenen Sprecher Röckemann sowie seinen Stellvertretern Christian Blex und Jürgen Spenrath machte zu Beginn des Landesparteitags den Weg für die Neuwahl einer kompletten Parteispitze frei. Zuvor warnte der zum völkisch-nationalistischen Flügel gezählte AfD-Landessprecher vor einer Spaltung der Partei und forderte ein Ende der Strömungskämpfe: „Gemeinsam sind wie stark, getrennt sind wir schon geschlagen.“

„Wir haben keine Extremisten in unserer Partei“

In seiner Bewerbungsrede forderte er von der Partei Unterstützung für das „Projekt Wende West“. Die AfD müsse alle Strömungen einbeziehen, dazu zählte er ausdrücklich den völkischen Flügel. Vor Journalisten betonte er, er sehe sich als Vertreter aller Parteimitglieder. „Wir haben keine Extremisten in unserer Partei.“

Der im Juli im Machtkampf gegen den „Flügel“ als Co-Sprecher zurückgetretene Helmut Seifen äußerte nach Lucassens Wahl die Hoffnung, dass die NRW-AfD nun nicht mehr unter dem Einfluss anderer Landesverbände stehe. „Ich glaube, dass heute diejenigen, die glaubten, sie könnten innerhalb der AfD eine eigene AfD gründen, verloren haben.“

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