Demonstrationen
Demonstranten attackieren türkische Läden

Die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien gegen kurdische Milizen sorgt auch in Deutschland für Spannungen. Bei einer Kurden-Demo in Herne sind zwei türkische Läden attackiert worden. Es gab Verletzte. Die Betroffenen sind schockiert.

Dienstag, 15.10.2019, 19:24 Uhr aktualisiert: 15.10.2019, 19:32 Uhr
Blick auf eine zerstörte Scheibe an einem Kiosk.
Blick auf eine zerstörte Scheibe an einem Kiosk. Foto: Yuriko Wahl

Herne (dpa) - Bei einer Demonstration von Kurden gegen die türkische Militäroffensive in Nordsyrien ist es in Herne zu Ausschreitungen mit fünf Verletzten gekommen. Der Staatsschutz der Bochumer Polizei nahm Ermittlungen gegen mehrere Personen wegen Landfriedensbruchs auf. Zunächst richteten sich die Strafverfahren gegen vier Personen, die Zahl werde sich aber sicher erhöhen, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. Ein türkisches Café und ein türkischer Kiosk waren am Montagabend attackiert und beschädigt worden. Wut, Frust und Verunsicherung herrschen am Tag danach vor Ort.

Das schwer getroffene Café «Bizim Konak» («Unsere Hütte») bleibt am Dienstag geschlossen. Die Spuren der Randale - zwei eingeschlagene Scheiben, zerfetzte Rollladen - sind deutlich sichtbar. Der Bruder des Eigentümers zeigt sich entsetzt. «Das ist schlimm, so was ist doch nicht normal. Wir sind sehr wütend», sagt  Kazim Sevim der Deutschen Presse-Agentur. «Es waren etwa zehn Gäste da gestern Abend. Alle hatten natürlich Angst. Die Bedienung hat sehr gut reagiert.» Man habe schnell alles dicht gemacht und die Rollladen runtergelassen. Laut Polizei waren mehrere Personen ins Café gestürmt, zerstörten Mobiliar. Zwei Personen seien verletzt worden, darunter - leicht - ein Polizeibeamter. 

Er selbst sei nicht anwesend gewesen, schildert Sevim. Sein Bruder habe im Urlaub von dem Vorfall erfahren, er sei geschockt. «Wir sind sehr entsetzt. Schon letztes Jahr und davor hatten wir schon Probleme bei solchen Demos.» Im Viertel hätten viele kurdische und türkische Wurzeln, die Stimmung sei angespannt. Sevim beschwert sich am Dienstag bei zwei Männern vom Staatsschutz, die gerade «zur Beweismittelaufnahme» vorbei kommen: «Meine Leute sagen, die Polizei hat hier gestern nur zugeguckt.» 

Einige hundert Meter weiter klafft noch ein großes Loch in der Fensterscheibe eines Kiosks. Der türkische Besitzer hat seinen Laden trotzdem geöffnet. Seine Videokameras habe das aggressive Treiben aufgezeichnet, erzählt Altan Cakaloglu und zeigt die Bilder: Aufgebrachte Menschen stürmen am Kiosk vorbei, laute Stimmen und Tumulte, man hört die Scheibe zersplittern.

«Ich war Einkaufen, meine Frau war da und hatte große Angst», sagt Cakaloglu. Sie habe schnell noch eine Frau mit Kleinkind auf dem Arm in den Kiosk gelassen, um sie zu schützen, dann die Tür verrammelt. Am Dienstag gibt es im Viertel kein anderes Thema als die Randale. Viele Kunden und Bekannte kommen bei Cakaloglu vorbei, wollen Genaueres erfahren.  

Die Ermittler suchen weitere Zeugen und werten zahlreiche Videos und Bildmaterial aus, auch von Handys, wie der Polizeisprecher sagt. Am Dienstag schaltete die Polizei dazu ein Hinweisportal frei, bei dem Fotos und Videos hochgeladen werden können - auch anonym. Rund 100 der etwa 350 Demonstranten hätten sich an dem Angriff auf einen Kiosk beteiligt. Etwa genauso viele stürmten und beschädigten das Café. Zuvor soll es zu einer «Provokation durch ein Handzeichen» am Kiosk gekommen und am Café eine Flasche Richtung Demo-Zug geflogen sein. Der Versammlungsleiter, der sich bemühte, die Lage zu beruhigen, sei von Demonstranten im Gesicht verletzt worden.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), appellierte: «Bei allem Verständnis, dass der Konflikt Menschen und ihre Familien, die ihre Wurzeln in der Region haben, tief erschüttert, muss klar sein: Wir haben auch die Verantwortung, dass der Konflikt in der Region nicht zu einem Konflikt in unserer Gesellschaft wird.» Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften müssten besonders zur Mäßigung beitragen, sagte sie Zeitungen der Funke Mediengruppe. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nannte es «unerträglich, dass eine friedliche Demonstration so ausgeartet ist und diese Kurden so ausgerastet sind.» Jeder habe das Recht zu demonstrieren, müsse sich aber an Regeln halten. 

Der Politikwissenschaftler und Türkeiexperte Burak Çopur hatte erst vor wenigen Tagen vor einer Eskalation gewarnt. «Wir sitzen hier in Deutschland auf einem Pulverfass», sagte der Professor an der privaten Hochschule IUBH Dortmund der dpa. Je nachdem, wie lange «die völkerrechtswidrige Invasion der Türkei in Nordsyrien» andauere, würden auch die Konflikte zwischen Deutsch-Türken und Deutsch-Kurden zunehmen.

Auch bei einer kurdischen Kundgebung in Bielefeld musste die Polizei am Montagabend eingreifen. Dort war es nach einer Provokation von Passanten - möglicherweise türkischstämmige Personen - zu einer Rangelei mit mehr als 20 Beteiligten gekommen. In Stuttgart hatte es am Samstag Ausschreitungen gegeben, mehr als 20 Polizisten waren leicht verletzt worden. In Berlin hatten Unbekannte ein Auto der türkischen Botschaft angezündet. Viele Kurden-Demos mit Tausenden Teilnehmern blieben aber friedlich.

Der Bochumer Polizeipräsident Jörg Lukat kritisierte die hohe Gewaltbereitschaft und Aggression. «Mir ist bewusst, dass die kurdischen Versammlungsteilnehmer auf die politische Situation aufmerksam machen möchten.» Das müsse aber friedlich bleiben.

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