Prozesse
Mutmaßlicher Amokfahrer: «Ich bin doch der liebste Mensch»

In der Silvesternacht soll er mit seinem Auto Jagd auf Menschen gemacht haben. 14 Personen wurden in Bottrop und Essen verletzt. Vor Gericht bestreitet der 50-Jährige ein fremdenfeindliches Motiv.

Dienstag, 22.10.2019, 15:35 Uhr aktualisiert: 22.10.2019, 15:42 Uhr
Das Gebäude, in dem sich unter anderem das Landgericht Essen befindet.
Das Gebäude, in dem sich unter anderem das Landgericht Essen befindet. Foto: Bernd Thissen

Essen (dpa/lnw) - In die fröhlichen Silvesterfeierlichkeiten auf den Straßen in Bottrop und Essen mischten sich plötzlich Schreie der Schmerzen und des Entsetzens. Ein 50-jähriger Deutscher aus Essen soll zum Jahreswechsel mit seinem silbernen Mercedes gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund zugefahren sein und mindestens 14 Personen verletzt haben. Zu Beginn der Neuauflage des Prozesses am Essener Landgericht räumte der Beschuldigte die Taten am Dienstag ein. Er bestritt jedoch jede Tötungsabsicht und auch ein von der Staatsanwaltschaft angenommenes fremdenfeindliches Motiv. «Dafür gibt es überhaupt keinen Grund», sagte er. «Eigentlich bin ich doch der liebste Mensch.»

Der Essener gilt als psychisch schwer krank. Seit 2001 leidet er an einer paranoiden Schizophrenie. Die Wahnvorstellungen hätten schon einmal dazu geführt, dass er nachts mit seinem Auto durch die Straßen gefahren sei und schließlich bei wildfremden Menschen geklingelt habe, sagte er den Richtern. Bei einem anderen Vorfall sei er von der Polizei nackt auf der Straße aufgegriffen worden. Aufgrund seiner Erkrankung geht die Staatsanwaltschaft schon jetzt davon aus, dass der 50-Jährige in der Silvesternacht schuldunfähig war. In dem Prozess geht es deshalb um die Frage, ob er für unbestimmte Zeit in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden muss, um die Allgemeinheit zu schützen.

An die rund 40 Minuten dauernde Amokfahrt will der Beschuldigte nur noch bruchstückhafte Erinnerungen haben. «Es war wie ein Staubsauger. Ich habe alles unter mir eingesaugt», sagte der Mann mit ruhiger Stimme. Dass er mit seinem Auto ein vierjähriges Kind angefahren und fünf Meter durch die Luft geschleudert haben soll, weiß der Essener heute angeblich nicht mehr. Dass er laut Anklage eine 46-jährige Syrerin gleich zweimal mit dem Fahrzeug überrollte, auch nicht. Die Frau erlitt damals einen Riss der Knieschlagader und wäre beinahe verblutet. Eine Notoperation rettete ihr das Leben.

Auffällig ist, dass unter den Opfern fast ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund sind. Tatsächlich räumte der Beschuldigte am Dienstag ein, sich in der Silvesternacht eingebildet zu haben, er müsse einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag verhindern. Davon, dass er mit dem Auto gezielt Jagd gemacht habe, könne aber keine Rede sein. Sollte er nach seiner Festnahme bei der Polizei so etwas gesagt haben, sei das nur damit zu erklären, dass er nicht klar im Kopf gewesen sei. Und auch der Umstand, dass ihm ein Freund offenbar regelmäßig Kurznachrichten mit rechtsradikalen Inhalten auf das Mobiltelefon geschickt hatte, tue nichts zur Sache. «Auf diesen Scheiß habe ich ja nie wirklich reagiert», sagte der 50-Jährige.

All das hatte der Essener schon einmal in einem Essener Gerichtssaal ausgesagt. Im Juni hatte ein erster Prozess begonnen, bei dem auch schon mehrere Betroffene als Zeugen aussagten. Die Verhandlung hatte jedoch nach wenigen Wochen abgebrochen werden müssen, weil die Vorsitzende Richterin überraschend verstorben war.

Für den jetzigen Prozess hat das Schwurgericht vorerst noch zwölf Verhandlungstage bis zum 18. Dezember angesetzt. Es sollen alle Verletzten als Zeugen gehört werden.

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