Experten zu Kindesmissbrauch im Landtag angehört
„Den Betroffenen glauben“

Düsseldorf -

Es soll keine Anklage sein. Aber es ist eine. „Alle Kinder geben Hinweise“, sagt Ursula Enders, „vor allem wenn sie wissen, sie werden gehört.“ Die Traumatherapeutin der Kontakt- und Informationsstelle Zartbitter in Köln ist eine von zwei Experten, die dem Untersuchungsausschuss Kindesmissbrauch des Landtags am Freitag einen schonungslosen Blick auf die Missstände beim Umgang mit Betroffenen geben.

Freitag, 17.01.2020, 18:40 Uhr aktualisiert: 17.01.2020, 20:38 Uhr
Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde stehen zwei Polizeibeamte vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters.
Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde stehen zwei Polizeibeamte vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters. Foto: Guido Kirchner/dpa
  • Einer der schlimmsten sei, dass direkte und indirekte Hinweise ohne Folgen bleiben oder gar verharmlost werden, bestätigt auch der Münchner Sozialpsychologe Professor Heiner Keupp , Mitglied der Aufarbeitungskommission zu sexuellem Kindesmissbrauch des Bundes: „Das Wichtigste ist, dass den Betroffenen geglaubt wird.“ Genau daran scheiterten viele Opfer. Es läuft aber auch strukturell viel schief, wie beide Fachleute in mehr als zwei Stunden schildern.
  • Fehlende Hilfe: Für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch fehlten flächendeckende Hilfsangebote, moniert Enders . Notwendig sei ein niederschwelliges Angebot, an das sich die Opfer mit ihrem Leid ebenso wie Außenstehende mit Beobachtungen wenden könnten. „Stecken Sie das ganze Geld nicht in Studien, sondern geben Sie es in unabhängige Beschwerdestellen“, mahnt sie. Keupp ergänzt, das bestehende Netz von Fachberatungen sei völlig unterfinanziert. „Da muss dringend etwas passieren.“ Die Opfer müssten reden können, um Erlittenes zu verarbeiten.
  • Überforderte Helfer: Angehende Sozialarbeiter oder Psychologen würden im Studium nicht auf den Umgang mit Fällen von sexuellen Missbrauchs vorbereitet, klagt Enders über mangelhafte Ausbildung. Das gelte für den Umgang mit Verdachtsfällen ebenso wie für das Drittel der von Jugendlichen verübten sexuellen Übergriffe. Schutzkonzepte würden ohne Hilfe aber zur „Mogelpackung“. Die fehlende Fachexpertise führt aus Sicht beider Experten dazu, dass selbst offensichtliche Fälle lange unentdeckt bleiben. Im Skandal um Missbrauch an der Odenwaldschule, sagt Keupp, habe es 27 unbeachtete Hinweise gegeben.
  • Typische Tatorte: Dass jetzt eine Verbindung im Fall des in Bergisch Gladbach entdeckten Missbrauchsnetzwerks mit dem massenhaften Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz Lügde bekannt sei, sage etwas über Strukturen, wie sie auch in Internaten oder Heimen zu finden seien. Keupp betont, dabei spiele unkontrollierte Macht eine Rolle, Täter seien nicht selten charismatische Figuren: „Sexualisierte Gewalt hat ganz viel mit Macht zu tun.“
  • Falsche Strukturen: Kleine Jugendämter seien personell überfordert, moniert Keupp. Und Enders dreht das weiter: „Jugendämter sind kleine Königreiche.“ Sie fordert von der Landesregierung, dringend einheitliche Qualitätsstandards festzulegen, weil die Jugendämter oft nicht auf den Umgang mit Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt vorbereitet seien. Die dafür vom Familienministerium eingesetzte Landesfachstelle müsse zügig auch die Schulen in den Blick nehmen. Dort blieben Fälle oft unentdeckt. Wenn die sexuelle Gewalt von Lehrern ausgehe, müssten ausgerechnet Vorgesetzte den Vorwürfen nachgehen. Es brauche eine unabhängigen Instanz.
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