Untersuchungsausschuss im Fall Lügde
Betreuer kannte Anzeige nicht

Düsseldorf -

Nahezu ahnungslos hat die Familienhilfe der AWO im Kreis Höxter die Betreuung des später wegen vielfachen schweren Kindesmissbrauchs verur­teilten Pflegevaters Andreas V. und des ihm anvertrauten siebenjährigen Mädchens übernommen.

Freitag, 31.01.2020, 16:23 Uhr aktualisiert: 31.01.2020, 18:05 Uhr
Der Untersuchungsausschuss mit dem Zeugen der AWO.
Der Untersuchungsausschuss mit dem Zeugen der AWO. Foto: Roland Weihrauch

Als er im Juni 2018 den Fall des auf einem Campingplatz in Lügde lebenden Mannes vom Jugendamt Hameln/Bad Pyrmont annahm, habe er keine Informationen zur Vorgeschichte erhalten – auch nicht über die kurz zuvor von einer früheren Betreuerin angezeigte Kindeswohlgefährdung. So schilderte es am Freitag der 54-jährige Sozial-Pädagoge Stefan I. als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Landtags, der den massenhaften sexuellen Kindesmissbrauch in Lügde aufarbeitet.

Bei seinen Besuchen auf dem Campingplatz habe er selbst keine Hinweise für eine solche Gefährdung entdeckt, berichtete der Familienpfleger und machte den Abgeordneten klar, dass er regelmäßig prekäre Verhältnisse sehe. „Es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der so lebt.“ In der Jugendhilfe habe er mit „seltsamen Menschen“ zu tun. Da der Pflegevater die Betreuung abgelehnt habe, habe er sich zunächst um eine Gesprächsebene bemüht. „Da stand kein Schild an der Tür: ,Ich habe Sex mit Kindern‘“, sagte der Zeuge.

Auch als ihn der FDP-Abgeordnete Marc Lürbke auf Bilder von einem verdreckten Schlafplatz des Mädchens ansprach, beharrte der Sozialpädagoge auf seiner Wertung: „Ich habe keinen Veränderungsbedarf gesehen in dem Ausmaß, eine drohende Kindeswohlgefährdung zu vermeiden.“ Optimale Bedingungen hätten allerdings nicht geherrscht.

Von neun Kontakten berichtete der Familienpfleger aus der fünfmonatigen Betreuung, bis das Mädchen am 13. November 2018 in Obhut genommen wurde. Notizen habe er nicht angefertigt.

Dazu bestehe keine Pflicht, erklärte der AWO-Kreisvorstand Wolfgang K. als zweiter Zeuge. „Ich glaube nicht, dass irgendwelche Dokumentationen dazu beigetragen hätten, den Fall aufzudecken.“ Nach seiner Aussage wich das Vorgehen in Lügde von den Konventionen ab: Das übliche Gespräch über Betreuungsziele seitens des Jugendamtes habe nie stattgefunden. Außer der Kostenübernahme gebe es nichts Schriftliches. Auch die Kündigung kam telefonisch. 

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