Agrar
Spargel-Anbauer wollen Saisonarbeiter einfliegen

Im Frühjahr gibt es viel Arbeit auf den Feldern. Gerade jetzt fehlen Erntehelfer. Das hängt mit der Corona-Pandemie zusammen: Saisonarbeiter aus Rumänien und Bulgarien kommen wegen der Beschränkungen schwer ins Land - oder bleiben aus Furcht zu Hause.

Mittwoch, 25.03.2020, 21:10 Uhr aktualisiert: 25.03.2020, 21:22 Uhr
Eine Saisonarbeitskraft sticht auf der Anbaufläche des Tannenhof Spargel.
Eine Saisonarbeitskraft sticht auf der Anbaufläche des Tannenhof Spargel. Foto: Andreas Arnold

Bonn (dpa/lnw) - «Man kriegt ja keinen», platzt es aus der Spargelanbauerin aus dem Raum Düsseldorf heraus. Am Vortag erst sollten 25 Erntehelfer mit dem Flugzeug anreisen. «Gekommen sind zwölf», sagt die Frau am Telefon, «hier liegen die Nerven blank». Die Spargelernte ist sehr anstrengend: Die zarten weißen Stangenwerden von den Helfern gebückt aus aufgeschichteten Erddämmen heraus gestochen. Und das bei jedem Wetter, bei eisiger Kälte, Regen oder prallem Sonnenschein. Saisonarbeiter aus Rumänien oder Bulgarien übernehmen diese Arbeit, kaum ein Deutscher.

Auf den Spargelfeldern werden derzeit teils noch die Dämme gebaut, unter denen die Stangen heranwachsen, ehe die Ernte losgeht. In einer aufwendigen Variante, wenn die wärmeliebende Pflanze unter Folie und einem Mini-Tunnel wächst, habe die Ernte bereits begonnen, sagte Ralf Große Dankbar, der Spargelberater der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen . Am 8. April ist für die rund 400 Betriebe in Nordrhein-Westfalen der offizielle Saisonbeginn des edlen Gemüses: Dann werden in großer Zahl Helfer gebraucht.

«Die Situation ist im Moment sehr angespannt», sagt Peter Muß vom Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauern in Bonn. Der Verband überlege sogar, Flugzeuge zu chartern. Die Angebote lägen vor. Allerdings seien am Vortag Erntehelfer, die aus Rumänien nach Deutschland kommen wollten, in ihrem Heimatland gar nicht in die Flugzeuge gelassen worden.

Von etwa 4000 derzeit anwesenden Erntehelfern weiß der rheinische Verband durch eine nicht repräsentative Umfrage, an der sich 450 Betriebe beteiligten. Allein diese Betriebe benötigten bis Ende Juli aber 22 000 Saisonarbeiter. «Der Bedarf ist deutlich größer», sagt Muß. Die Folgen der Corona-Pandemie machen die Helfer unsicher: Viele Saisonarbeiter, etwa aus Rumänien oder Polen, hätten Angst, sich zu infizieren oder nach dem Ernteeinsatz nicht mehr in ihre Heimat zurückzukommen.

Am Mittwoch ordnete das Bundesinnenministerium bis auf Weiteres ein Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte und Erntehelfer an. So solle die Ausbreitung der Pandemie weiter eingedämmt werden. Die Regelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Polen oder Österreich, wo es jetzt wieder Grenzkontrollen gibt.

NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) verwies im Vorfeld darauf, dass von der Einreisesperre rund 53 000 Saisonarbeiter in NRW betroffen seien. Derzeit seien aber 8300 Saisonarbeiter bei den Betrieben in NRW unterwegs. Es gebe neue Regelungen des Bundes, den Aufenthalt dieser Arbeiter von 70 auf 115 Tage zu verlängern. «Das bedeutet, dass wir hier ein bisschen strecken können», sagte Heinen-Esser am Mittwoch in Düsseldorf. Außerdem unterstütze NRW auch die Internet-Plattform des Bundes «Das Land hilft», auf der sich freiwillige Erntehelfer eintragen könnten. Und das Ministerium überlege gemeinsam mit anderen Ressorts, «wie wir Menschen motivieren können, in der Landwirtschaft zu helfen».

NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) forderte, Arbeitsverbote für Asylbewerber und Geduldete aufzuheben. «Sie in dieser Zeit, wo wir jeden #Erntehelfer brauchen, auch nur einen Tag länger aufrechtzuerhalten, ist unverantwortlich», schrieb er bei Twitter. Das Innenministerium solle handeln oder die Entscheidung den Ländern überlassen.

Auf den Feldern beginnt die Ernte von Rhabarber, Gemüse muss gepflanzt werden. Es dauert nicht mehr lange, bis die ersten Erdbeeren auf den Markt kommen. Der Fachmann vom Provinzialverband berichtet, manche Anbauer stünden sehr gut da mit Helfern, manche nicht. «Sie haben im Moment große Sorge, wie sie die Arbeit geschafft kriegen.»

In seiner Verzweiflung hat der Verband eine Initiative gestartet, um Freiwillige für einen bezahlten Ernteeinsatz zu gewinnen. 1800 Rückmeldungen seien eingegangen, berichtete der Sprecher. Auch die Anbauerin aus der Nähe von Düsseldorf hat eine «große Resonanz» darauf erfahren von Studenten und Schülern, die im Moment wegen der Corona-Einschränkungen freie Zeit haben. Doch Ungeübten ist oft nicht klar, wie anstrengend diese Arbeit ist: «Spargelstechen ist eine Knochenarbeit», sagt die Frau vom Spargelhof.

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