Hoffen auf flachere Infektionskurve
Laumann: Epidemie-Gesetz soll trotzdem kommen

Düsseldorf -

Die Zahl der Infizierten und Toten in Pflegeheimen wächst fast stündlich. Das Land NRW zieht jetzt seine Konsequenzen.

Freitag, 03.04.2020, 20:14 Uhr aktualisiert: 03.04.2020, 21:10 Uhr
Die Lage in vielen Pflegeheimen ist äußerst angespannt.
Die Lage in vielen Pflegeheimen ist äußerst angespannt. Foto: Jonas Güttler

Nur kurz gewährt Karl-Josef Laumann ( CDU ) einen Blick in sein zurzeit eher aufgewühltes Seelenleben, als er über die langsamer steigenden Zahlen von Corona-Infektionen spricht. Seit Wochenbeginn sei der für die Lagebewertung entscheidende Verdoppelungszeitraum von 8,9 auf 9,4 Tage angestiegen. Die Folgen rechnet der NRW-Gesundheitsminister vor: Bis Monatsende bedeute das 136 000 mit dem tückischen Virus Infizierte. Sollte es klappen, dass der Zeitraum auf zwölf Tage steigt, wären es nur 85 000, bei 15 Tagen sogar nur 62 000 Infektionen: „Was das Gesundheitssystem angeht, würde mich das etwas ruhiger schlafen lassen“, sagt Laumann am Freitag zur Corona-Lage. Er sei optimistisch, dass das Land in der Karwoche einen großen Schritt in Richtung zwölf Tage schaffen könne, weil dann die Folgen des Kontaktverbots messbar würden.

Größte Sorge bleibt weiter, dass genügend Intensivbetten und Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, wenn die Zahl der Infektionen ansteigt. Am Freitag wurden von mehr als 18 500 Infizierten fast 1700 in Krankenhäusern behandelt, rund 600 von ihnen intensivmedizinisch, 480 müs­sen beatmet werden. Das entspreche dem bisher erwarteten Anteil, der aber bei einem zu starken Anstieg der Infektionen schnell zu einer Überlastung der Kliniken in einzelnen Regionen führen könne, sagt Laumann. Ende der kommenden Woche will er einen tagesaktuellen Überblick über Kapazitäten und belegte Behandlungspläne haben. Dann sei es möglich zu reagieren, „indem man Patienten verlegt oder Technik“.

Ebenfalls bis zur kommenden Woche will Laumann sich zudem einen Überblick über die Notfallkapazitäten der Krankenhäuser im Land verschaffen. Noch bleibt es bei den landesweit 4223 Intensivbetten und einer Reserve von 1600 weiteren Plätzen. Für Reserven bei Beatmungsgeräten liege das größte Potenzial darin, Narkosegeräte der Krankenhäuser zu nutzen, betont Laumann. Er erwarte auch die Lieferung neuer.

Entscheidend wird die kommende Woche auch in anderer Hinsicht: Der Landtag berät über Änderungen am Epidemie-Gesetz, mit dem sich Laumann im Katastrophenfall nicht nur Zugriff auf Schutzmaterial und Geräte verschaffen will. Auch einzelne Kliniken will er anweisen können, sich auf Corona-Fälle zu konzentrieren. Umstritten ist sein Vorstoß, Ärzte und medizinisches Personal zum Dienst zu verpflichten.

Mit einem Brief an die Ab-geordneten wirbt Laumann nochmals um Zustimmung. Voraussetzung sei ohnehin, dass der Landtag den Pandemie-Fall erkläre. Und gerne könne er auch das entscheidende Wort bei einer Verpflichtung haben. „Natürlich geht die Freiwilligkeit vor ei­ner Verpflichtung“, zollt der Minister Medizinern und Pflegepersonal Respekt. Falls aber die Zahl von bundesweit derzeit 2000 infizierten Ärzten weiter steige, verändere das die Situation. „Wenn die Freiwilligen körperlich und emotional nicht mehr können, dann kann es auch ein Schutz von Freiwilligkeit sein, dass man andere verpflichten kann, sie abzulösen“, bekräftigt der Minister. „Ich sehe es wirklich als allerletztes Mittel.“


Die Dimension ist erschreckend: Fast ein Viertel der mehr als 360 Pflegeheimbewohner, die mit dem Coronavirus infiziert sind, sind an den Folgen der Krankheit gestorben. „Das zeigt, dass das Altenheim der sensibelste Bereich ist“, betonte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Freitag in Düsseldorf. Auch wenn das strikte Besuchsverbot für die Betroffenen hart sei und das Pflegepersonal zusätzlich fordere, bestätige sich die harte Anweisung. „Das sind alles sehr einschneidende Maßnahmen“, gab er zu. Kinder und Eltern würden ebenso getrennt wie Jahrzehnte zusammenlebende Ehepartner.

Wenn aber auch Angehörige die Situation in den Pflegeheimen nicht mehr mitbekommen, müsse nun die Heimaufsicht der Kommunen genauer hinsehen, forderte Laumann. Sie sollten keine klassischen Kon­trollen mit Akteneinsicht durchführen. „Aber wir müssen wenigstens etwas Öffentlichkeit in den Heimen herstellen, damit wir davon ausgehen können, dass es den Leuten dort gut geht.“ Dafür solle die kommunale Heimaufsicht einen Schwerpunkt auf die Altenheime legen.

In den Einrichtungen ist auch die Zahl der Mitarbeiter, die selbst mit dem Coronavirus infiziert sind, weiter gestiegen. In solchen Fällen müssten die Pflegeeinrichtungen umgehend Kontakt mit den Angehörigen der Bewohner aufnehmen, bekräftigte Laumann.
Der Bonner Virologe Professor Hendrik Streeck hatte vorgeschlagen, alle Mitarbeiter in Heimen und Kliniken alle vier Tage einem Corona-Test zu unterziehen. Damit behalte man die Entwicklung im Blick und könne es vermeiden, alte Menschen lange zu isolieren. Laumann bezeichnete den Vorschlag als einen praktikablen Weg.

Als Reaktion auf die steigenden Infektions- und Todesfälle in Altenheimen hatte das Land Niedersachsen einen Aufnahmestopp verhängt. Für NRW wolle er das vermeiden, erklärte der Minister. Denn unverändert müssten alte Menschen, die beispielsweise durch einen Schlaganfall pflegebedürftig werden, einen Platz finden. Mehr Sicherheit erreiche man, indem aus Kliniken neu aufgenommene Bewohner 14 Tage isoliert und regelmäßig getestet werden.

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