Justiz
Nazi-Jäger Andreas Brendel: Suche nach Tätern geht weiter

Die Suche nach Nazi-Kriegsverbrechern ist 75 Jahre nach Kriegsende äußerst schwierig. Die meisten Täter sind gestorben. Ein Oberstaatsanwalt in Dortmund bleibt dran.

Samstag, 11.04.2020, 09:11 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 12:01 Uhr
Staatsanwalt Andreas Brendel schaut geradeaus.
Staatsanwalt Andreas Brendel schaut geradeaus. Foto: Bernd Thissen

Dortmund (dpa/lnw) - Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geht eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Dortmund weiter möglichen Nazi-Kriegsverbrechen nach. «Es ist deutlich weniger geworden, aber es laufen derzeit zwei größere Ermittlungsverfahren bei uns, und ein Prozess ist noch vor dem Landgericht Wuppertal anhängig», sagte Oberstaatsanwalt Andreas Brendel . Er leitet die NRW-Zentralstelle für die «Bearbeitung Nationalsozialistischer Massenverbrechen» innerhalb der Dortmunder Staatsanwaltschaft . «Wir haben zudem mehrere Verfahren, in denen es im Wesentlichen darum geht, uns angezeigte Verdachtsfälle zu überprüfen.»

Hinweise kommen mitunter von der bundesweiten NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg. Auch Einzelpersonen wie Historiker oder Angehörige melden sich zu Themen wie Judenverfolgung in Bielefeld oder Erschießungen in Wuppertal im Dritten Reich und bitten um Untersuchung, ob noch Täter aufzuspüren oder Anhaltspunkte für Ermittlungen zu finden sind. «Wir überprüfen viel. Ich halte das für wichtig. Auch wenn es immer schwieriger wird, tatsächlich Täter zu finden.» Nach so langer Zeit sei eine Tatbeteiligung extrem schwer nachzuweisen.

Seit der Einrichtung der Zentralstelle im Oktober 1961 sind dort 1482 Fälle bearbeitet worden. Seit einigen Jahren ist Brendel der einzige Ermittler der Dortmunder Zentralstelle und einer der wenigen überhaupt in Deutschland, die noch NS-Mörder «jagen». Selbst wenn Beschuldigte gefunden werden, kann gegen sie aufgrund ihres hohen Alters oft kein Prozess mehr geführt werden. Das Landgericht Münster hatte vor einem Jahr das Verfahren gegen einen früheren SS-Wachmann im Konzentrationslager von Stutthof bei Danzig eingestellt, weil der damals 95-Jährige nicht weiter verhandlungsfähig war.

Ein weiterer früherer Wachmann im KZ Stutthof ist vor dem Landgericht in Wuppertal angeklagt, sagte Brendel. Die zwei anderen noch aktuellen größeren Fälle haben Bezug zu NS-Massenverbrechen im besetzten Frankreich - und liegen nach Worten des Oberstaatsanwalts derzeit beim Landeskriminalamt zur Bearbeitung.

Auch wenn viele Täter nicht mehr lebten oder gesundheitlich keinen Prozess mehr durchstehen könnten, sei man es den Opfern schuldig, weiter zu forschen. «Wenn ich aus rechtsstaatlichen Erwägungen heraus Ermittlungen einstellen muss, habe ich das hinzunehmen», erläutert Brendel. «Aber diese Arbeit wird weiterlaufen. Es gibt meines Wissens keine Ambitionen des Landes NRW, die Arbeit der Zentralstelle zu beenden.»

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