Kriminalität
Deutlich mehr Polizisten im Kampf gegen Kindesmissbrauch

Die nordrhein-westfälische Polizei hat den Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie massiv verstärkt. Dabei sind die Ermittler auf ein beunruhigendes Phänomen gestoßen: Immer öfter findet sich Kinderpornografie in Kinderzimmern.

Donnerstag, 23.04.2020, 17:32 Uhr aktualisiert: 23.04.2020, 17:43 Uhr
Ein Polizist steht im Regen vor einem Streifenwagen dessen Blaulicht aktiviert ist.
Ein Polizist steht im Regen vor einem Streifenwagen dessen Blaulicht aktiviert ist. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Zahl der Ermittler im Kampf gegen Kinderpornografie und Kindesmissbrauch ist in Nordrhein-Westfalen massiv erhöht worden. Landesweit wurde der Personaleinsatz fast vervierfacht, im Landeskriminalamt sogar verfünffacht, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags. Inzwischen seien mehr als 400 Beamte in diesem Bereich eingesetzt.

Die Zahl der Fortbildungsplätze sei verdoppelt und der Einsatz verdeckter Ermittler verstärkt worden. «Das sind unsere Lehren aus Lügde», sagte Reul. Vor genau einem Jahr hatte eine Stabsstelle begonnen, die Ermittlungsarbeit in diesem Bereich neu zu organisieren. Nun wurde ihr Abschlussbericht vorgestellt.

Inzwischen habe man 47 Behörden mit vielen Einzelbüros zu einem «virtuellen Großraumbüro vernetzt». Neue Software erkenne, welches kinderpornografische Material bereits bekannt und ausgewertet sei. Damit werde viel Doppelarbeit vermieden, sagte Kriminaldirektor Ingo Wünsch .

Die Ermittler stießen in NRW auf ein besorgniserregendes Phänomen: Unter den Tatverdächtigen sind immer mehr Kinder und Jugendliche. Die Zahl der minderjährigen Verdächtigen habe sich binnen zehn Jahren nahezu verdreißigfacht. Wurden 2010 noch 31 Minderjährige mit Kinderpornografie erwischt, waren es 2019 bereits 887. Das entspricht einem Anstieg von 2760 Prozent.

Der Anteil von Kindern und Jugendlichen an allen Verdächtigen hat sich in den vergangenen drei Jahren von 16 auf 38 Prozent mehr als verdoppelt. Kinder verbreiteten solche kinderpornografische Dateien oft unreflektiert und ohne sexuelle Motivation, hieß es. Dennoch begingen sie damit Straftaten, berichtete Wünsch.

Reul hatte den Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie nach den Vorfällen in Lügde zur «Chefsache« erklärt. «Kindesmissbrauch hat jetzt in NRW denselben Stellenwert wie Mord», sagte er. Wie die Mordfälle würden solche Fälle nur noch in 16 Polizeipräsidien bearbeitet.

Die Kreispolizeibehörden seien mit der Auswertung der Datenmengen deutlich überlastet gewesen und konnten die Berge an Datenmaterial nicht mehr bewältigen, sagte Wünsch.

Derzeit seien doppelt so viele Verfahren anhängig wie vor einem Jahr. Allein im Kindesmissbrauchsfall, der in Bergisch Gladbach seinen Ausgang genommen hatte, seien 18 Millionen Bilder und über eine halbe Million Videos bewertet worden.

«Wir sind deutlich schneller und konsequenter geworden was die Strafverfolgung angeht», sagte Wünsch. Die Aufklärungsquote in NRW bei Kindesmissbrauch betrug im vergangenen Jahr 83,7 Prozent und bei Kinderpornografie 93,2 Prozent. 2010 habe sie in diesem Bereich noch bei 70,6 Prozent gelegen.

Die Bundesländer und das Bundeskriminalamt müssten aber noch einen deutlich besseren Datenaustausch in diesem Bereich hinbekommen. Auch die immer noch nicht umgesetzte Vorratsdatenspeicherung verhindere in vielen Fällen die Strafverfolgung.

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