Lehren aus Fall Lügde
Polizei stellt Ermittlungen zu Kindesmissbrauch um

düsseldorf -

Die nordrhein-westfälische Polizei hat den Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie massiv verstärkt. Ermittler im Bereich der Kinderpornografie sind in Nordrhein-Westfalen auf ein besorgniserregendes Phänomen gestoßen: Unter den Tatverdächtigen sind immer mehr Kinder und Jugendliche.

Donnerstag, 23.04.2020, 18:48 Uhr aktualisiert: 23.04.2020, 19:17 Uhr
Herbert Reul
Herbert Reul Foto: dpa

Die Lektion ist gelernt: Es war vielleicht die schmerzlichste Erkenntnis, dass die Polizei in NRW beim Umgang mit Verdachtsfällen auf sexuellen Kindesmissbrauch in den vergangenen Jahren vielfach überfordert war. Der Fall des massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat das offenbart.

Damit sich das nicht wiederholt, setzte Innenminister Herbert Reul (CDU) eine Stabstelle ein, die alle Prozesse in den 47 Kreispolizeibehörden auf den Prüfstand gestellt – und umgekrempelt hat. Entscheidender Punkt: Über eine neue Plattform sind alle Polizeibehörden miteinander und mit dem personell massiv verstärkten Landeskriminalamt verbunden, um schnellstmöglich Hinweise und Beweismaterial auswerten und auf Basis einer zen­tralen Datenbank konzen­triert ermitteln zu können. Im Fall des in Bergisch Gladbach aufgedeckten Netzes von Kindesmissbrauch habe sich das bewährt, bilanzierte Ingo Wünsch , Leiter der vor einem Jahr eingesetzten Stabsstelle, am Donnerstag. Konzentrierte Ermittlungen gegen Kinderpornografie „sind das Auge in das Dunkelfeld des Missbrauchs“.

16 Kriminalhauptstellen übernehmen Ermittlungen

Dass bisher jede Kreispolizeibehörde Anzeigen für sich bearbeitet, ist damit passé. Reul sagte: „Wir vernetzen diese Dutzende Einzelbüros zu einem landesweiten Großraumbüro.“ Künftig sollen die Ermittlungen zu sexuellem Kindesmissbrauch von den 16 Kriminalhauptstellen – meist Polizeipräsidien – übernommen werden. Auch das eine Reaktion auf die Überforderung, wie sie im Fall Lügde zu spät erkannt wurde. Dieser Schritt sei noch nicht umgesetzt, erklärte der Minister. „Das wird auch noch zu höherem Personalbedarf führen.“

Dabei haben die Kreispolizeibehörden im vergangenen Jahr die Kapazitäten von 104 auf nun 267 Stellen ausgeweitet. Trotzdem lag die Zahl unerledigter Durchsuchungsbeschlüsse Ende März wieder bei 540 Fällen und damit fast so hoch wie vor einem Jahr. Grund sei, dass viele Ermittler für den in Bergisch Gladbach aufgeflogenen Fall abgezogen wurden, betonte Wünsch.

In einem Jahr hat sich die Fallzahl von sexuellem Missbrauch und Kinderpornografie auf 3700 fast verdoppelt. Viele davon seien Einzeldelikte, wie Ingo Wünsch am Beispiel einer Chat-Gruppe illustrierte: So habe ein Jugendlicher an 135 gleichaltrige Mitglieder einer WhatsApp-Gruppe ein kinderpornografisches Bild geschickt – gegen alle Empfänger wird nun wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt.

Jugendliche sollen nun verstärkt aufgeklärt werden: Ihnen solle klar sein, dass sie sich strafbar machen, wenn sie Bilder teilen.

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