Sammelunterkünfte
Nach Schlachthöfen sind Erntehelfer im Blick

Düsseldorf -

Die Betten standen zu dicht beieinander, die Schlafräume waren zu klein und teilweise mit Schimmel befallen. So klingt der Befund der Kontrolleure in den Unterkünften von Werkvertragsarbeitnehmern eines Bochumer Schlachthofs. Von 125 auf das Coronavirus getesteten Personen waren 22 infiziert, konnten sich aber nicht isolieren: Dieses Zwischenergebnis einer Kontrolle schilderte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch im Fachausschuss des Landtags.

Mittwoch, 13.05.2020, 21:38 Uhr aktualisiert: 13.05.2020, 21:43 Uhr
Das Westfleisch-Werk in Coesfeld ist zum Coronavirus-Hotspot geworden.
Das Westfleisch-Werk in Coesfeld ist zum Coronavirus-Hotspot geworden. Foto: imago images/Chris Emil Janßen

Überall im Land laufen seit dem Wochenende solche Kontrollen. Im Kreis Borken habe es keine Befunde gegeben, aus vielen anderen Regionen fehlten noch Ergebnisse. Schwerpunkt bleibe der Kreis Coesfeld mit 258 Infizierten. Bundesweit seien rund 600 Beschäftigte von Schlachthöfen mit Corona infiziert. Die Tests dürften bis zum Wochenende abgeschlossen sein, sagte Laumann . Einige der in Coesfeld positiv getesteten Personen seien aber nicht in Quarantäne angetroffen worden und zur Fahndung ausgeschrieben.

Schon die Kontrollen von 30 Schlachtbetrieben im Oktober hätten gezeigt, dass viele Werkvertragsarbeitnehmer in der Fleischbranche in prekären Arbeitsverhältnissen stehen. Allerdings sei es dabei bislang nicht möglich gewesen, die Unterkünfte zu kontrollieren, räumte der Minister ein. Das erlaube jetzt erst der Gesundheitsschutz im Zuge der Pandemie-Abwehr. Ziel aller Länder-Arbeitsminister sei seit Langem, die gesetzlichen Bedingungen für die oft aus Rumänien stammenden Arbeiter deutlich zu verbessern. „Meine große Hoffnung ist, dass das, was wir jetzt unter Corona erleben, dazu führt, dass wir die Gesetzeslage ändern können.“

Eine solche Initiative forderte auch der SPD-Sozialexperte Josef Neumann. Es gehe um Zustände, „die wir nicht erst seit Kurzem kennen“. Der Grüne Mehrdad Mostofizadeh kritisierte: „Offensichtlich sind alle da-für, dass es anders werden soll, aber keiner tut es.“

Sein Fraktionskollege Norwich Rüße mahnte, die Bedingungen für Erntehelfer stärker zu kontrollieren. „Wenn die Schlachthöfe fertig sind, ist das der nächste Schwerpunkt“, sagte Laumann zu. Der Arbeitsschutz habe hier mehr Möglichkeiten, die Sammelunterkünfte zu kontrollieren. Eine Reihentestung sei aber nur zu rechtfertigen, wenn es entsprechende Indizien gebe.

Gewerkschaften kritisieren den Landrat

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und der DGB fordern ein Umdenken in der Fleischbranche. Bei der Schlachtung und Zerlegung herrsche seit Jahren ein „knallharter Wettbewerb auf Kosten von Mensch und Tier“, sagte Helge Adolphs, Geschäftsführer der NGG-Region Münsterland, am Mittwoch in Münster.

Die Gewerkschaften warnen vor Stigmatisierungen: Die infizierten osteuropäischen Arbeiter bei Westfleisch seien nicht die Verursacher, dass Coesfeld zum Corona-Hotspot geworden sei, sondern die Leidtragenden.

Der DBG-Kreisvorsitzende in Coesfeld, Ortwin Bickhowe-Swiderski, warf dem Kreis vor, viel zu lange untätig geblieben zu sein. Die Schließung des Westfleisch-Werks sei nicht vom Landrat Christian Schulze Pellengahr, sondern schließlich vom zuständigen Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (beide CDU) angeordnet worden, kritisierte er und begrüßte es, dass die Grünen eine entsprechende Kommunalaufsichtsbeschwerde gegen den Landrat auf den Weg gebracht haben.

Die Gewerkschaften forderten Minister Laumann auf, eine Bundesratsinitiative gegen das Aushöhlen von Werkverträgen zu starten. Westfleisch habe durch die Vergabe von Subverträgen hier die Kontrolle völlig verloren.

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