Schulen
Lehrer aus Corona-Risikogruppen müssen Prüfungen abnehmen

Schrittweise kehren die Schüler in den Präsenzunterricht an die Schulen zurück. Dort treffen sie aber nicht unbedingt auf all ihre Lehrer. Wenn die Lehrkräfte zu Risikogruppen gehören, brauchen sie nicht in die Schulen zu kommen. Schulministerin Gebauer will das ändern.

Mittwoch, 20.05.2020, 15:04 Uhr aktualisiert: 20.05.2020, 15:12 Uhr
Yvonne Gebauer (FDP), Schulministerin von Nordrhein-Westfalen.
Yvonne Gebauer (FDP), Schulministerin von Nordrhein-Westfalen. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Ältere oder vorerkrankte Lehrer in Nordrhein-Westfalen sind trotz der Corona-Pandemie verpflichtet, mündliche Abiturprüfungen abzunehmen, sofern sie kein ärztliches Attest vorlegen. Das stellte Schulministerin Yvonne Gebauer ( FDP ) am Mittwoch noch einmal im Schulausschuss des Landtags klar. Mündliche Prüfungen seien nicht mit Unterrichtsstunden vergleichbar. «Prüfungen sind kein Präsenzunterricht», betonte die Ministerin. An den Prüfungen nähmen in der Regel nur vier Personen teil. Die Hygiene- und Abstandsregeln könnten gewährleistet werden.

Gerade Eltern und Lehrerverbände sowie Lehrkräfte selbst hätten dafür geworben, dass die den Schülern vertrauten Lehrer auch die mündlichen Prüfungen abnähmen, sagte Gebauer. Vorerkrankte oder auch schwangere Lehrkräfte hätten aber «das ausdrückliche Recht», sich ärztlich bestätigen zu lassen, wenn sie wegen der Zugehörigkeit zur Risikogruppe die Prüfungen nicht abnehmen wollten.

Keine konkreten Aussagen - auch nicht auf mehrmaliges Nachfragen der Opposition - machte Gebauer dazu, unter welchen Bedingungen künftig auch Lehrkräfte aus Risikogruppen im Präsenzunterricht eingesetzt werden sollen. «Wir können Präsenzunterricht sicher nicht auf Grundlage der Freiwilligkeit organisieren», sagte Gebauer. Sie verwies erneut auf jüngste Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI), die keine grundsätzlichen Einsatzbeschränkungen für bestimmte Altersgruppen oder Vorerkrankungen mehr vorsähen. «Ich habe immer gesagt, dass der Rat der Experten Grundlage ist für unsere Entscheidungen.»

Die Frage der Rückkehr der Lehrkräfte werde mit Personalräten und anderen Ministerien erörtert. Dann werde entschieden, wie es weitergehe, sagte Gebauer. Sie halte es aber für «selbstverständlich», dass möglichst viele Lehrer in den Präsenzunterricht zurückkämen, damit auch so viele Schüler wie möglich wieder direkt unterrichtet werden könnten. Konkrete Angaben, wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, machte Gebauer nicht.

Wegen der bisherigen Einsatzbeschränkungen für Pädagogen ab 60 Jahren beziehungsweise mit Vorerkrankungen sind nach früheren Angaben Gebauers derzeit knapp 30 Prozent der insgesamt rund 200 000 Lehrkräfte in NRW nicht im Präsenzunterricht.

Der Präsident des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, hatte von zunehmendem Unmut bei Ärzten über die Zahl an Lehrern berichtet, die aus Angst vor einer Corona-Ansteckung eine Befreiung vom Unterricht anstrebten. «Es ist schon unverständlich, dass die Berufsgruppe der Lehrer für sich ein solches Schutzprivileg in Anspruch nimmt», hatte Fischbach der «Neuen Osnabrücker Zeitung» gesagt. Andere Berufsgruppen würden «tatsächlich kranke Patienten versorgen» und wiesen wie etwa die Kinderärzte ein wesentlich höheres Durchschnittsalter als Lehrer auf.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW forderte die Schulministerin auf, Klarheit über den Unterrichtseinsatz von Lehrkräften aus Risikogruppen zu schaffen. «Wir erwarten, dass das Land NRW seiner Fürsorgepflicht gegenüber den Beschäftigten nachkommt und eine transparente Aussage des Ministeriums terminlich so erfolgt, dass die betroffenen Lehrkräfte die Zeit bekommen, sich entsprechenden ärztlichen Rat einzuholen», erklärte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau.

Die Bildungsgewerkschaft GEW NRW warf Gebauer einen Schlingerkurs und mangelnde Transparenz vor: Der aktuelle Fall einer Schule in Münster, an der vier Schüler und zwei Lehrer positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, zeige, «auf welch dünnem Eis wir uns bewegen», sagte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern. Insbesondere müsse über regelmäßige Testungen der Lehrkräfte nachgedacht werden. Die Einhaltung des Infektionsschutzes müsse genau so selbstverständlich sein wie die Rückkehr der Lehrer und Schüler in die Schulen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7417099?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F22265%2F
Nachrichten-Ticker