Prozess um Germanwings-Flugzeugabsturz
„Geld kann keine Wunden heilen“ - Angehörige aus Haltern fordern höheres Schmerzensgeld

Haltern am See/Essen -

Hinterbliebene wollen von der Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa ein höheres Schmerzensgeld erstreiten. Das Gericht hatte zuvor bei einer mündlichen Verhandlung bereits signalisiert, dass die Lufthansa möglicherweise der falsche Adressat der Klagen sein könnte. Die medizinische Überwachungspflicht könne auch Aufgabe des Staates sein. Das Gericht will nur die Urteilsformel verlesen. 

Montag, 29.06.2020, 08:56 Uhr aktualisiert: 29.06.2020, 14:58 Uhr
Beim Prozess vor dem Landgericht Essen vertritt Elmar Giemulla acht Kläger aus Haltern
Beim Prozess vor dem Landgericht Essen vertritt Elmar Giemulla acht Kläger aus Haltern Foto: dpa

Es war ein Moment, der das Leben eines Ehepaars aus Haltern am See für immer veränderte. Im März 2015 kam die Nachricht, dass die 15-jährige Tochter bei dem Germanwings-Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ums Leben gekommen war. „Der Gedanke daran, wie es passiert ist, lässt uns bis heute nicht los“, sagt die Mutter, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Es ist schwer auszuhalten, dass unsere Tochter in ihren letzten Minuten viel Angst gehabt haben muss.“

Die Frau aus Haltern gehört zu den Klägern, die von der Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa und von der Lufthansa-Flugschule in den USA ein höheres Schmerzensgeld erstreiten wollen. Das Landgericht Essen will am 1. Juli eine Entscheidung verkünden. Bei dem Flugzeugabsturz verloren damals alle 150 Insassen das Leben – darunter auch 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern. Der psychisch kranke Co-Pilot Andreas Lubitz hatte den Flieger absichtlich in den Sinkflug gebracht. Nach dem Absturz leistete die Lufthansa bereits Zahlungen in Höhe von 10 000 Euro Schmerzensgeld pro Angehörigen plus 25 000 Euro als vererbbares Schmerzensgeld.

Aus Sicht des Luftverkehrsrechtsexperten Elmar Giemulla reicht die Summe nicht aus. Der Anwalt vertritt die acht Kläger aus Haltern. Eine Gerichtsentscheidung hätte für 192 Angehörige Gültigkeit, betont er. Giemulla fordert eine Erhöhung des Schmerzensgelds von 10 000 auf 40 000 Euro sowie eine Verdopplung des vererbbaren Schmerzensgeldes auf 50 000 Euro. Aber der Jurist stellt auch klar, dass Geld keine Wunden heilen könne. „Denn auch mit 100 000 Euro wäre der Schmerz für die Angehörigen nicht überwunden.“ Doch es gebe auch eine „untere Grenze“, die nicht unterschritten werden dürfe, sagt Giemulla. „Und genau das ist hier passiert.“ Das sieht auch seine Mandantin aus Haltern so: „In allen anderen beteiligten Ländern ist das Schmerzensgeld beim Tod naher Angehöriger wesentlich höher.“ Lufthansa-Sprecher Helmut Tolksdorf teilt auf Anfrage mit, „dass wir uns zu dem laufenden Verfahren nicht äußern“.

Anwalt Giemulla erwähnt lobend, dass die Lufthansa nach dem Absturz eine „sehr gute psychologische Betreuung“ für die Angehörigen gewährleistet habe. Zudem wurden Angehörige kostenlos zur Absturzstelle geflogen. Aber der Umgang mit den Fehlern ist aus Sicht Giemullas unzureichend: Denn dass eine Fehlerkette zum Absturz der Germanwings-Maschine geführt habe, steht für die Kläger außer Frage. Jetzt gehe es auch darum, für Aufklärung zu sorgen, Verantwortliche zu benennen – und dass Konsequenzen für die Zukunft gezogen werden.

Seine Ausbildung machte der Co-Pilot Andreas Lubitz in der Lufthansa-Flugschule im US-Bundesstaat Arizona. Er konnte sie wegen einer schweren Depression nur mit einer Sondererlaubnis beenden. Die Kläger werfen nun der Flugschule und der Lufthansa Versäumnisse bei der Ausbildung und bei der medizinischen Überwachung des Co-Piloten vor. Auch die Mutter des 15-jährigen Opfers aus Haltern meint: „Wir fragen uns, wie viele Leute damals die Augen zugemacht haben.“

Große Hoffnungen auf Antworten durch das Gericht können sich die Kläger aber offenbar nicht machen: Die Richter haben schon signalisiert, dass die Lufthansa möglicherweise der falsche Adres­sat der Klagen sein könnte. Die medizinische Überwachungspflicht könne auch Aufgabe des Staates sein, hieß es. „Wir neigen nach derzeitigem Stand dazu, die Tauglichkeitszeugnisse dem Luftfahrtbundesamt zuzuschreiben“, sagte Richter Lars Theissen bereits zu Beginn des Prozesses.

Die Kläger hoffen jetzt, eine Hängepartie zu vermeiden. Der Rechtsstreit belaste die Angehörigen, betonte auch Ulrich Wessel gegenüber dieser Zeitung vor einigen Wochen. Er ist Leiter des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern. „Eine Klärung wäre für die Eltern hilfreich“, sagte er.

Anwalt Elmar Giemulla betont, dass eine Erhöhung des Schmerzensgeldes und die Benennung der Verantwortlichen zumindest ein Trost für die Angehörigen wäre. Aber seine Mandantin aus Haltern weiß auch: „Kein Geld der Welt kann uns unsere Tochter wieder zurückbringen.“

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