Gesundheit
Kriminalität in Corona-Krise um 23 Prozent gesunken

Hohe Rückgänge bei Einbrüchen, Taschendiebstählen und Überfällen: Die Einschränkungen in der Corona-Zeit haben auch etwas Gutes. Sogar die Fälle häuslicher Gewalt gingen auf dem Papier zurück. Die Polizei zählte aber auch etliche Verstöße gegen die Corona-Regeln.

Donnerstag, 09.07.2020, 13:11 Uhr aktualisiert: 09.07.2020, 13:22 Uhr
ILLUSTRATION - Ein Mann und eine Frau stehen hinter einem zerbrochenen Teller in einer Küche.
ILLUSTRATION - Ein Mann und eine Frau stehen hinter einem zerbrochenen Teller in einer Küche. Foto: Sebastian Gollnow

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Zahl der Straftaten ist in der Zeit der Corona-Einschränkungen in Nordrhein-Westfalen deutlich gesunken. Die Gesamtkriminalität sei zwischen Anfang März und Ende Juni um knapp 23 Prozent zurückgegangen, teilte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in Düsseldorf mit. Auch die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt ging um 21 Prozent zurück. Er selbst habe da «noch ein paar Fragezeichen im Kopf», sagte Reul. Aber die Zahl der angezeigten Fälle sei im Vergleichszeitraum von 13 230 auf 10 479 gesunken. Viel zu tun hatte die Polizei unter anderem an Ostern und den zurückliegenden Wochenenden wegen Verstößen gegen die Corona-Regeln. Insgesamt wurden vom 25. März bis Ende Juni tausende Verstöße und 50 587 Personen festgestellt.

Der Rückgang der Kriminalität betraf fast alle Bereiche. Die Zahl der Wohnungseinbrüche sank um 30 Prozent von 7561 auf 5290 Fälle. Die Zahl der Raubüberfälle ging um rund ein Viertel zurück auf 2821 Fälle. Bei den Taschendiebstählen wurden sogar fast 40 Prozent weniger anzeigt - die Zahl verringerte sich von 10 638 auf 6511. Straftaten gegen ältere Menschen reduzierten sich um 11 Prozent auf 12 104 Fälle. Reul erklärte zum Gesamtrückgang: «Ist auch klar, wenn das öffentliche Leben zurück gefahren wird, passiert auch weniger.» Wenn die Menschen mehr zu Hause seien, hätten Einbrecher zum Beispiel weniger Gelegenheiten - und wenn «das Taxi nicht fährt, kann auch kein Taxifahrer ausgeraubt werden.»

Keine Antwort hatte Reul auf die Frage, warum auch die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt zurück gegangen sind. Er selbst habe mit eher mehr Aggressivität gerechnet, wenn man länger auf engstem Raum zusammen sei. Der Minister erklärte, es gebe nur Vermutungen zur Ursache. Es könnte sein, dass die Nachbarn besser aufgepasst hätten oder auch nicht alle Taten angezeigt wurden - weil es keine Gelegenheit gab, wenn der Partner auch immer zuhause war.

Reul sprach auch von «Corona-bedingten Delikten». Vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie hätten Betrüger sich als angebliche Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgegeben, berichtete Reul. Er sprach erneut vom «Enkeltrick im weißen Kittel». Hier hätten die Täter inzwischen nur noch selten Erfolg, da die öffentliche Aufklärung «sehr groß war».

Thema Wirtschaftskriminalität: Durch falsche Anträge auf Corona-Soforthilfe entstand laut Reul bislang ein Schaden von rund fünf Millionen Euro. Dies müsse man aber in Relation zur Gesamtauszahlung von 4,5 Milliarden Euro sehen, sagte der Minister. Bei den falschen Anträgen geht es um Personen, die unberechtigte Hilfen beantragt oder mehrere Anträge gestellt haben.

Bei den sogenannten Fake-Webseiten für Soforthilfe seien bislang sieben Internetadressen «sicher ermittelt» und beschlagnahmt oder geblockt worden. Insgesamt seien bislang rund 1300 Anzeigen zu Fake-Websites eingegangen - bei einem Schaden von 281 000 Euro.

Die Polizei hatte in den letzten Monaten aber auch durch Verstöße gegen die Corona-Regeln viel zu tun. Zwischen Ende März und Ende Juni nahm die Polizei in Nordrhein-Westfalen von 50 587 Menschen Verstöße gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu Protokoll. Der Minister betonte, dass dies nur die Fälle seien, bei denen die Polizei involviert war. Die Zuständigkeit liegt grundsätzlich bei den örtlichen Behörden mit ihren Ordnungsämtern.

Die Verstöße wurden im Einzelnen von 36 837 Erwachsenen, 11 404 Jugendlichen und 2346 Kindern begangen. «Die meisten Menschen verhalten sich vorbildlich und diszipliniert. Trotz des Verbots gibt es aber einige, die sich nicht an die Regeln halten. Der Drang nach frischer Luft ist nachvollziehbar, aber Corona ist noch nicht vorbei», erklärte Reul. «Es müssen nicht alle auf einem Knubbel hocken.» Verstöße gab es vor allem an den sonnigen Ostertagen und an den vergangenen Wochenenden in den großen Städten. Unter anderem musste die Polizei in Düsseldorf und Köln mehrfach den örtlichen Behörden helfen, als unter anderem Teile der Düsseldorfer Altstadt geräumt wurden. «So viel Verständnis ich für Geselligkeit an warmen Sommerabenden habe - das geht im Moment nicht so, wie wir das gewohnt sind», so Reul: «Corona ist noch nicht vorbei.»

Verhältnisse wie in Stuttgart, wo es vor knapp drei Wochen zu offenbar spontanen Ausschreitungen und Plünderungen kam, drohen laut Reul in NRW nicht. Bisher habe es so etwas nicht gegeben und die Polizei sei auch für die kommenden Wochenenden gut aufgestellt und gegebenenfalls einzugreifen. Der Minister reagierte auch auf einen Vorschlag des SPD-Fraktionschefs Thomas Kutschaty, der am Donnerstag technische Lösungen gegen Menschenansammlungen ins Spiel gebracht hatte. Über mehr Videotechnik könne man «gerne reden». Ansonsten habe er am Morgen sein Haus gebeten, zu prüfen, welche Technik es allgemein überhaupt gibt. Reul lobte in diesem Kontext den Einsatz von Drohnen.

Auf die Frage nach der Zahl der an Corona erkrankten Polizisten wollte der Minister nicht antworten. Insgesamt seien aber nur wenige Polizeibeamte erkrankt. «Sie war wirklich sehr gering, weil wir so klug disponiert haben.» So habe man unter anderem Dienstpläne angepasst. Ein Polizist sei gestorben. Nach früheren Angaben des Innenministeriums war ein 54 Jahre alter Polizeibeamter aus Paderborn mit einer Corona-Infektion gestorben. Nach dpa-Informationen hatte sich der Beamte nicht im Dienst angesteckt.

Schmunzeln musste Reul, als er bei der Pressekonferenz nach seiner Meinung zum Straßenkarneval gefragt wurde: «Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir Karneval schön feiern können.» Wie dass letztlich aussehen werde, müsse man in einigen Monaten sehen. Für ihn sei zum Beispiel die Frage, wie es nach der Rückkehr von Urlaubern mit Corona weiter gehe. «Mein Wunsch ist klar», sagte Reul - und er drücke auch die Daumen für Karneval. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man zur Normalität zurückkehre, steige eben mit der Disziplin der Menschen.

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