Mordprozess
Tödlicher Schuss auf SEK-Beamten: "Habe an Rocker gedacht"

Essen/Gelsenkirchen/Kreis Coesfeld -

Bei einer Wohnungsdurchsuchung soll ein mutmaßlicher Drogendealer aus Gelsenkirchen zur Waffe gegriffen haben. Ein SEK-Beamter wird tödlich getroffen. Vor Gericht sagt der Angeklagte, er habe mit einem Rockerüberfall gerechnet.

Freitag, 23.10.2020, 14:39 Uhr aktualisiert: 23.10.2020, 18:18 Uhr
Mordprozess: Tödlicher Schuss auf SEK-Beamten: "Habe an Rocker gedacht"
Der Angeklagt verbarg sein Gesicht. Anwalt Siegmund Benecken verlas später eine Erklärung des 30-Jährigen. Foto: dpa

Das Gesicht hinter einem Aktendeckel versteckt, die langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden: So hat der Angeklagte am Freitagmorgen den Sitzungssaal des Essener Schwurgerichts betreten. Knapp sechs Monate ist es her, dass der 30-Jährige in seiner Gelsenkirchener Wohnung einen SEK-Polizisten erschossen haben soll. Über die Tat, die er am Freitag zugab, ist der Angeklagte offenbar noch immer selbst entsetzt.

In einer Erklärung, die von Verteidiger Siegmund Benecken verlesen wurde, hieß es, der 30-jährige Deutsche habe mit einem Überfall einer Rockergruppe gerechnet. Von dieser sei er bedroht worden. «Ich würde nie auf die Idee kommen, auf einen Polizisten zu schießen.» Die Anklage lautet auf Mord.

Angeklagter berichtet von Drohungen

Die Kugel hatte den Beamten in die Seite getroffen, genau dort, wo die schusssichere Weste keine Sicherheit mehr bot. Herz und Lunge wurden verletzt, der 28-Jährige hatte keine Chance.

Es war der 29. April 2020, morgens um sechs Uhr: Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei stemmte erst die Haustür auf und brach dann die Tür der Dachgeschosswohnung mit einer Ramme auf. Der Angeklagte will die Geräusche im Hausflur gehört und «nackte Angst» bekommen haben. «Ich dachte, dass jemand ins Haus eindringt und es auf mich abgesehen hat», so seine Erklärung. Er habe an Rocker gedacht, die ihn einige Zeit zuvor im Zusammenhang mit Drogengeschäften bedroht hätten. «Man verlangte, dass ich ausschließlich bei denen kaufe, ansonsten bekäme ich Besuch.» Dabei habe man ihm sogar ein Messer an den Hals gehalten.

Nur um sich zu schützen, habe er zu seiner Pistole gegriffen, die im Nachttisch gelegen habe. Er habe sogar noch überlegt, ob er einen Warnschuss abgeben solle, um zu zeigen, dass er bewaffnet sei. Doch dann sei ihm die Wohnungstür auch schon entgegengeflogen. «In meiner Angst und Panik schoss ich sofort.»

Später will er die Beamten noch gefragt haben, warum sie nicht einfach geklingelt hätten. Dann hätte er die Tür aufgemacht.

Kein Verständnis für SEK-Einsatz

Auch sein Verteidiger hat wenig Verständnis für den SEK-Einsatz. Selbst wenn man gewusst habe, dass der Angeklagte bewaffnet ist, hätte man aus seiner Sicht auch schon vorher zugreifen können. Schließlich sei der 30-Jährige zuvor observiert worden. «Man sah ihn auf der Straße, mit seinem Hund, natürlich ohne Waffen», so Benecken am Rande des Prozesses. «Da hätte man ihn ohne weiteres festnehmen können.»

Die Polizei hatte im Rahmen einer Drogenermittlung einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des Angeklagten vollstrecken wollen. Tatsächlich waren später rund 1,4 Kilo Marihuana sichergestellt worden. Weil es Hinweise darauf gegeben habe, dass der 30-Jährige eine Pistole und eine Handgranate besitzen soll, war das SEK hinzugezogen worden. Eine Handgranate wurde später allerdings nicht gefunden.

Laut Anklage haben sich die Beamten sofort als Polizeibeamte zu erkennen gegeben. Durch die Aufschrift auf ihren Westen und durch lautes Rufen. Das will der Angeklagte jedoch nicht gehört haben. Das Urteil soll voraussichtlich am 17. Dezember fallen.

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