Solinger Modell
Hybrider Unterricht findet viel Sympathie

Düsseldorf -

Solingen kreuzt die Klingen. Politisch gesehen. Weil die Infektionszahlen in der Stadt immer weiter steigen und – trotz Maskenpflicht im Unterricht – vermehrt die Schulen betroffen sind, will Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) in einem Modellversuch den Unterricht in kleinen Lerngruppen erproben

Dienstag, 10.11.2020, 18:22 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 21:00 Uhr
Auf die Maskenpflicht im Unterricht allein will die Stadt Solingen bei steigenden Infektionszahlen nicht vertrauen und würde darum gerne kleinere Lerngruppen bilden.
Auf die Maskenpflicht im Unterricht allein will die Stadt Solingen bei steigenden Infektionszahlen nicht vertrauen und würde darum gerne kleinere Lerngruppen bilden. Foto: Gregor Fischer/dpa

Eine Klassenhälfte soll vor Ort, die andere digital unterrichtet werden. Um diesen „Solinger Weg“ ist ein heftiger politischer Streit entbrannt: Denn Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte ihn vor einer Woche per Erlass untersagt. Ihr Nein löst offenbar eine Gegenbewegung aus: Inzwischen habe er Hunderte Schreiben von Amtskollegen aus anderen Kommunen erhalten, die ebenfalls Alternativen zu vollen Klassen testen wollen, berichtete Kurzbach am Dienstag: „Wir reden hier von Solingen als der Stadt, die vorweggegangen ist.“ Alle digitalen Voraussetzungen seien geschaffen.

Wie notwendig ein solcher Ausweg sei, zeigten die Solinger Zahlen von Dienstag: Von rund 20 000 Schülern an weiterführenden Schulen sowie etwa 12.000 Grundschülern seien 2171 in Quarantäne, 80 seien nachweislich mit Corona infiziert. Auch 283 der rund 1700 Lehrkräfte seien in Quarantäne, zwölf seien positiv getestet. 111 Klassen und zehn Gruppen im offenen Ganztag seien betroffen. Tendenz: steigend. Die Sieben-Tage-Inzidenz für Solingen lag bei 157. „Der Herbst hat gerade erst begonnen“, mahnte Kurzbach, „da ist ganz logisch, was dann folgt.“ Er hofft auf ein Umdenken der Ministerin. Ausdrückliches Ziel sei es ja, den Präsenzunterricht zu bewahren.

Unverhoffte Unterstützung erhalten die Kommunen von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die am Dienstag auch eine Maskenpflicht für Grundschüler gefordert hat. Bei steigenden Infektionszahlen „kann ich persönlich hybriden Unterrichtsmodellen gerade in diesem Winter einiges abgewinnen“, sagte sie der „Rheinischen Post“. Das müsse nach Jahrgängen differenziert laufen. „Wichtig ist, dass die Schulleitungen genug Freiraum haben, passende Wege für ihre Schule zu finden.“

Die Grünen-Schulpolitikerin Sigrid Beer kritisierte: „Es geht nur darum, dass die Ministerin das Gesicht nicht verlieren will.“ Nicht nur hybrider Unterricht, sondern ebenso eine räumliche Trennung oder ein Schichtsystem gelte es zu erproben. „Man muss es machen dürfen.“ Ein Eilantrag der SPD dazu steht am Mittwochabend auf Landtagsagenda.

Kommentar: Maskenpflicht in Grundschulen nicht sinnvoll

Nicht sinnvoll

Eine Maskenpflicht im Grundschulunterricht wäre weder sinnvoll noch vermittelbar. Gerade in den ersten Schuljahren sind das Üben von Lauten und die Kommunikation untereinander wesentliche Faktoren für den Lernerfolg. Dafür müssen die Kinder nicht nur die Mimik ihrer Lehrkräfte, sondern auch die der Mitschüler be­o­bachten können.

Hinter Masken werden sich schüchterne Kinder hingegen eher zurückziehen. Es fällt ihnen dadurch schwerer, soziale Kontakte zu knüpfen und Selbstvertrauen aufzubauen. Müssen die Kinder über Stunden Maske tragen, geht das zudem zulasten der Konzentration und führt zu schnellerer Erschöpfung.

Selbst wenn Kinder genauso ansteckend sein sollten wie Erwachsene, tragen sie wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge viel häufiger Antikörper durch vorherige Infektionen mit harmloseren Erkältungsviren in sich. Ein wesentlicher Treiber der Pandemie sind sie sicher nicht.

von Mirko Heuping

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