Energie
Aus für Steinkohlekraftwerke: 317 Millionen für Betreiber

Auch ein Umstieg auf Gas oder ein Verkauf des Kohlekraftwerks in Hamburg-Moorburg standen zur Disposition. Nun ist klar, dass der Betreiber Vattenfall es stilllegen will - obwohl es eines der modernsten in Deutschland ist.

Dienstag, 01.12.2020, 17:21 Uhr aktualisiert: 01.12.2020, 17:30 Uhr
Das Kohlekraftwerk Moorburg ist an der Elbe zu sehen.
Das Kohlekraftwerk Moorburg ist an der Elbe zu sehen. Foto: Markus Scholz

Bonn/Hamburg (dpa/lno) - Das lange umstrittene Hamburger Steinkohlekraftwerk Moorburg soll im kommenden Jahr vom Netz gehen. Der schwedische Betreiber Vattenfall erhielt am Dienstag von der Bundesnetzagentur den Zuschlag für eine entsprechende Stilllegungsprämie. Insgesamt wurden in diesem ersten Schritt zum Ausstieg Deutschlands aus der Steinkohleverstromung Prämien für elf Kraftwerksblöcke vergeben. Die Betreiber der Anlagen erhalten insgesamt rund 317 Millionen Euro.

Die bei der Auktion zum Zuge gekommenen Kraftwerke dürfen ab dem 1. Januar keinen Strom mehr verkaufen. Für bis dahin abgeschlossene Lieferverträge darf aber auch über den Jahreswechsel hinaus noch Strom produziert werden. Ab Juli 2021 gilt dann ein Verbot der Kohleverfeuerung. Außerdem prüfen die Übertragungsnetzbetreiber und Bundesnetzagentur, ob die Kraftwerke für die Stabilität des deutschen Stromnetzes systemrelevant sind. Ist das der Fall, müssen sie für kritische Situationen in Bereitschaft bleiben.

Obwohl das erst 2015 in Betrieb genommene Kraftwerk Moorburg eines der modernsten in Deutschland sei, entspreche die frühzeitige Stilllegung sowohl den Plänen der deutschen Bundesregierung «als auch der Strategie von Vattenfall, innerhalb einer Generation ein Leben ohne fossile Brennstoffe zu ermöglichen», sagte Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall.

Alternativ seien vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs auch ein Brennstoffwechsel und ein Verkauf des Kraftwerks geprüft worden, sagte Vattenfall-Deutschland-Chef Tuomo Hatakka. «Jetzt werden wir die Planungen für die vorzeitige Schließung vorantreiben. Dazu gehört auch, unsere Mitarbeiter bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu unterstützen beziehungsweise in verantwortungsvoller Weise andere Optionen zu vereinbaren.»

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan begrüßte die vorzeitige Stilllegung. «Das Kraftwerk Moorburg war von Anfang an überdimensioniert, unwirtschaftlich und aus der Zeit gefallen», sagte der Grünen-Politiker. «Es ist für den Klimaschutz eine gute Nachricht, wenn es jetzt deutlich früher vom Netz geht als ursprünglich geplant.» Obwohl Moorburg einst als kombiniertes Strom und Wärmekraftwerk geplant war, hatte sich der Senat 2015 gegen eine Nutzung zur Fernwärmeversorgung entschieden. «Mit der Stilllegung des Kraftwerks wird der Kohleausstieg in Hamburg nicht nur in der Wärme deutlich früher vollzogen als im Rest der Republik», sagte Kerstan.

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) sieht in der Entscheidung der Bundesnetzagentur eine Chance für einen Neuanfang am Standort Moorburg. «Das gilt ganz besonders für den Aufbau einer innovativen und zukunftsfähigen Wasserstoffwirtschaft», sagte er. Es gebe bereits «konkrete Gespräche mit Industriepartnern zur Errichtung eines 100 Megawatt Elektrolyseurs».

«Die Abschaltung des größten CO2-Erzeugers in Hamburg ist ein starkes Signal für den Klimaschutz und bestärkt den bundesweit vorbildlichen Hamburger Weg, bis spätestens 2030 aus der Kohleverbrennung auszusteigen», sagte der Energieexperte der SPD-Fraktion, Alexander Mohrenberg. Während der Umweltexperte der Linksfraktion, Stephan Jersch, in einer Stilllegung das Ende eines umweltpolitischen Anachronismus sieht, warnte sein CDU-Kollege Stephan Gamm vor Engpässen.

Derzeit werde Hamburg in windärmeren Monaten bis zu 90 Prozent mit Strom aus Moorburg versorgt, sagte Gamm. Und: «Mit der Abschaltung des Kernkraftwerkes Brokdorf Ende 2021 wäre das Kohlekraftwerk Moorburg das letzte verbleibende Großkraftwerk in Norddeutschland.» Bei der AfD war von «ideologischem Irrsinn» die Rede.

Der Industrieverband Hamburg forderte eine belastbare Perspektive für Versorgungssicherheit und Netzstabilität. «Moorburg spielt eine wichtige Rolle bei der Stabilität der Stromnetze und wirkt sich aufgrund der Nähe zu den energieintensiven Verbrauchern positiv auf die Netznutzungsentgelte aus», sagte IVH-Chef Matthias Boxberger. Auch der Präsident der Unternehmensverbände Nord, Uli Wachholtz, forderte eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung, «die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in keiner Weise einschränkt».

Angesichts des noch bis 2025 geplanten Weiterbetriebs des Kohleheizkraftwerks in Wedel bezeichnete der Vorsitzende des Hamburger Steuerzahlerbundes, Lorenz Palte, die geplante Stilllegung «des saubersten Kohlekraftwerks der Republik» als «ökologischen Irrsinn und Steuerverschwendung. Wie hoch die Stilllegungsprämie für Vattenfall ist, wurde nicht mitgeteilt. Laut Bundesnetzagentur lag der durchschnittliche Zuschlagswert bei 66 259 Euro pro Megawatt.

Neben Moorburg erhielt unter anderem auch der größte deutsche Stromerzeuger RWE Prämien für zwei seiner Steinkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen. Auch die großen Steinkohleverstromer Uniper und Steag sind mit Geboten zum Zuge gekommen.

Deutschland will für den Klimaschutz bis spätestens 2038 alle Kohlekraftwerke stilllegen. Mit den Braunkohlebetreibern RWE und Leag wurden bereits feste Abschaltdaten und Entschädigungssummen ausgehandelt. Für die Steinkohle entschied man sich für das Ausschreibungs-Modell. Die Betreiber, die die geringste Summe je vermiedener Tonne CO2 fordern, erhalten dabei den Zuschlag für eine Entschädigung. In den kommenden Jahren gibt es weitere Ausschreibungen.

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