Missbrauch im Bistum Münster
Forschungsprojekt will Namen nennen

Münster -

Wie konnte es über Jahrzehnte zu sexuellem Missbrauch durch Priester in der katholischen Kirche kommen? Ein Forscherteam der Uni Münster schaut im Fall des Bistums Münster genau hin. Und will im Frühjahr 2022 im Abschlussbericht auch Namen nennen.

Mittwoch, 02.12.2020, 14:13 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 14:56 Uhr
Missbrauch im Bistum Münster: Forschungsprojekt will Namen nennen
Der Historiker Thomas Großbölting untersucht Missbrauchsfälle im Bistum Münster. Foto: Karin Völker

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im Bistum Münster werden am Ende auch die Namen von verantwortlichen Bischöfen oder Personalchefs genannt. Bei dem Forschungsprojekt der Uni Münster im Auftrag des Bistums stehe man damit auf einer Linie mit dem Bistum Aachen, wie der Leiter des Forschungsteams, Thomas Großbölting , am Mittwoch in einer Video-Pressekonferenz sagte. „Damit sind wir weit entfernt von den Vorgängen in Köln“, sagte der Zeithistoriker. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hält bislang ein Gutachten wegen rechtlicher Bedenken zurück.

Kritik am Kölner Kardinal

Großbölting kritisierte das scharf: „Wer Gerichtsfestigkeit verlangt, der verhindert jede Aufklärung.“ Die Uni Münster werde bei relativen Personen der Zeitgeschichte den Betroffenen Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Nach der Prüfung der Erwiderung werde das Forscherteam seine Arbeit dann möglicherweise anpassen oder auch korrigieren. Sollte es dann zu juristischen Auseinandersetzungen kommen, müsste ein Bistum auch mal Mut haben und Geld für einen Rechtsstreit in die Hand nehmen. Die Wissenschaftler sollen aufzeigen, ob und wie Strukturen in der katholischen Kirche jahrelangen sexuellen Missbrauch durch Priester ermöglicht haben.

Opfer waren im Schnitt elf Jahre alt

Die Ergebnisse sollen im Frühjahr 2022 veröffentlicht werden. Laut Zwischenbericht wurden bislang 200 Beschuldigte und 300 Opfer identifiziert. Der Zeitraum betrifft Taten zwischen 1945 und 2018. Bei den bisher geführten 70 Interviews mit Betroffenen reichten die Vorwürfe von anzüglichen Kommentaren bis zu schwerem sexuellem Missbrauch über Jahrzehnte. Diese befragten Opfer waren im Schnitt elf Jahre alt und zu 90 Prozent männlich. Dabei sind die Zahlen zu ihren ersten Missbrauchserfahrungen über die Jahrzehnte unterschiedlich hoch. Vor 1950 gab es 2, in den 1950er-Jahren 11, im nächsten Jahrzehnt 31, dann 15, in den 1980er-Jahren 9 und dann nur 3. In der Zeit zwischen 2000 bis 2009 waren es 11.

Untersuchung der Bischofskonferenz

2018 hatte eine Studie im Auftrag der Bischofskonferenz ergeben, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Kritiker hatten an der Studie aber bemängelt, dass die Autoren keinen Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven bekommen hatten. Im Bereich des Bistums Münster wurden dabei  450 Betroffene und 138 beschuldigte Kleriker  gezählt. Aufgabe der Uni-Wissenschaftler ist es unter anderem, die Dunkelziffer zu erhellen.

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Auch Geheimarchiv untersucht

Das Team um Großbölting, neben vier Historikern arbeitet eine Soziologin mit, habe bislang die volle Unterstützung des Bistums erhalten. Auch ein Gang ins Geheimarchiv des Bischofs sei ermöglicht worden. Dabei gebe es keine Hinweise auf vernichtete Akten. „Aber es wurde schlecht dokumentiert. Bis 2009 gab es keine Protokolle für Personalsitzungen“, sagt Großbölting.

Dabei stehen die drei Bischöfe Joseph Höffner (1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) im Mittelpunkt der Forschung. Bei dem 2013 verstorbenen Lettmann sei noch offen, ob es ein System Lettman gebe, denn mehrere seiner Mitarbeiter in der Bistumsspitze wurden später Bischöfe in anderen deutschen Diözesen.

„Massives Leitungs- und Kontrollversagen“ im Bistum Münster

Nach Angaben der Forscher stehe aber bereits fest, dass es in Münster ein „massives Leitungs- und Kontrollversagen“ gegeben habe. Zwischen den Bischöfen und den Priestern als Tätern habe es ein Spannungsverhältnis gegeben: Auf der einen Seite der Seelsorger, auf der anderen der Vorgesetzte. Die Sünde zu vergeben, sei dann oft wichtiger gewesen.

„Die Grenzen des Sagbaren waren in den 1950er-Jahre anders als heute. Es gab die typische katholische Schamkultur und Sprachlosigkeit“, sagte die Soziologin Natalie Powroznik. Das habe sich grundlegend verändert und die gesellschaftliche Sensibilität sei gewachsen.

Strafvereitelung im Amt

Die Vorwürfe betreffen aber nicht nur die Kirchenleitung. Medien hätten Taten oft bagatellisiert. Und in einem Fall muss von Strafvereitelung im Amt ausgegangen werden. Ein Staatsanwalt soll vor Jahrzehnten nach Angaben des Historikers Klaus Große Kracht nach dem Anruf eines Weihbischofs auf eine Strafverfolgung verzichtet haben. 

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