Polizei
Innenminister startet Taser-Pilotphase für NRW

Bekommt die Polizei in Nordrhein-Westfalen den Taser mit in den Streifenwagen? Lange wurde bereis über den Einsatz diskutiert. Innenminister Reul will jetzt Fakten als Basis für eine Entscheidung. Die sollen in rund einem Jahr vorliegen.

Freitag, 15.01.2021, 15:22 Uhr aktualisiert: 15.01.2021, 15:33 Uhr
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, spricht.
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, spricht. Foto: Federico Gambarini

Dortmund (dpa/lnw) - «Taser, Taser, Taser», schreit der Polizeibeamte und richtet das knallgelbe Gerät wie eine Pistole in der Hand in Richtung des Angreifers. Mit einem lauten Knall löst sich ein Schuss aus dem Distanzelektroimpulsgerät. So heißt der Taser im feinsten Amtsdeutsch. In die Trainingspuppe verkrallen sich zwei fiese Metallhaken. Bei einem realen Polizeieinsatz würde der Angreifer jetzt nach einem Stromstoß wehrlos auf dem Boden liegen. Seine Muskeln gehorchen ihm nicht mehr. Die elektrischen Impulse überlagern die Impulse des Gehirns. Die Beamten könnten ihm gefahrlos Handschellen anlegen.

Ob diese Taser Einzug finden in den Alltag der Polizei in Nordrhein-Westfalen ist noch offen. Lange wurde darüber diskutiert. Innenminister Herbert Reul ( CDU ) hat am Freitag in Dortmund eine einjährige Pilotphase gestartet. «Es bringt nix, weiter zu diskutieren. Die Beamten sollen den Taser, der längst als Begriff im Duden angekommen ist, auf seine Praxistauglichkeit testen», sagte Reul.

Etwa 400 Beamte erproben ab diesem Monat wechselweise in den Polizeibehörden in Düsseldorf, Gelsenkirchen, Dortmund und im Rhein-Erft-Kreis 70 dieser Elektroschockgeräte. Reul warnte am Freitag vor falschen Hoffnungen. Das sogenannte Distanzelektroimpulsgerät ersetze nicht die Dienstpistole. «Es wäre ein Fehler zu glauben, dass der Schuss durch den Taser abgelöst wird», sagte Reul.

Der Taser schließe möglicherweise eine Lücke bei Bedrohungslagen von Beamten und schrecke Angreifer ab. Dabei gehe es um statische Situationen, bei denen Polizeibeamte bedroht werden. Im Frühjahr 2022 soll ein Abschlussbericht für den Test vorliegen.

Reul beklagte eine Zunahme von Respektlosigkeiten gegenüber Polizeibeamten im Einsatz. «Im Jahr 2012 gab es noch 6652 Angriffe auf Polizisten, 2019 waren es bereits 9241», erklärte der Innenminister als oberster Dienstherr der Polizei.

Der Dortmund Polizeipräsident Gregor Lange verwies im Trainingszentrum bei der Präsentation auf entgegengesetzte Entwicklungen in der Kriminalstatistik. In der Dortmunder Nordstadt, wo der Taser jetzt in der Wache Nord getestet wird, sei die Zahl der Straftaten in den vergangenen Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. In ganz Dortmund seien aber 50 Prozent mehr Widerstandshandlungen gegen Polizisten registriert worden.

«Da stimmt etwas mit der Gesellschaft nicht mehr, wenn die angegriffen werden, die die Gesellschaft schützen sollen», sagte Reul. Ob der Taser neben der gerade eingeführten Bodycam und Schutzwesten die Sicherheit der Beamten in Zukunft verbessere, sei offen. «Wir müssen jetzt schauen: Was kann der Taser und gibt es einen Mehrwert?», sagte der Innenminister.

Taser senden nach Angaben der Polizei bei der Präsentation einen elektrischen Impuls, der die Signale des Gehirns für die Muskelbewegungen überlagert und den Angreifer bewegungsunfähig macht. Der Einsatz bei Kindern, Schwangeren oder untergewichtigen Personen sei nicht möglich. Der Taser ist mit zwei Kartuschen geladen, so dass hintereinander zwei Schüsse möglich sind. Eine dieser Kartuschen kostet rund 40 Euro. Die Stromstöße gehen auch durch wärmere Winterkleidung.

Seit September 2020 wird die Testphase in NRW vorbereitet. Kein Beamter würde ohne ausreichende Schulung in den Einsatz geschickt. Corona habe da in Teilen für eine Verzögerung gesorgt, sagte der Innenminister in Dortmund.

«Wir müssen jetzt schauen, ob die Ausstattung mit einem Taser eine sinnvolle Ergänzung ist», sagt Thomas Roosen, Direktor des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen (LZPD). Der Taser liege dabei als Möglichkeit zwischen dem Einsatz einfacher körperlicher Gewalt, Reizgas und der Schusswaffe.

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