Gefälschter Lebenslauf
Bundestagsabgeordnete Petra Hinz legt Mandat nieder

Essen/Berlin -

Ein nüchterner Satz setzt das Ende: „Damit wird der Mandatsverzicht mit Ablauf des 31.8.2016 rechtswirksam.“ Gemeint ist das Verzichtsschreiben der Essener Bundestagsabgeordneten Petra Hinz, dessen Eingang am Dienstag von der Bundestagsverwaltung offiziell bestätigt wurde. Frist­gemäß losgeschickt und ohne Formfehler formuliert, wie es das Gesetz verlangt.

Dienstag, 30.08.2016, 20:08 Uhr

Petra Hinz ist aus dem Bundestag ausgeschieden.
Petra Hinz ist aus dem Bundestag ausgeschieden. Foto: Sven Hoppe

Das Schreiben, auf das die Öffentlichkeit seit zwei Monaten gewartet hat. Im Juli wurde bekannt, dass die 54 Jahre alte SPD-Politikerin weder Abitur abgelegt noch Studium absolviert hatte. Doch genau dies stand im Lebenslauf der als äußerst ehrgeizig geltenden Abgeordneten, die seit 2005 für die Essener SPD im Bundestag saß. Und dort eine bemerkenswerte Karriere hinlegte.

Zuletzt war Hinz Mitglied im einflussreichen Haushalts- und Finanz­ausschuss des Bundestages. Keine Hinterbank-Aufgabe, sondern Teil des mächtigen Verteil- und Machtzirkels der Berliner Republik. Hinz galt als fleißig und akribisch. Die Kehrseite: In ihren elf Jahren als Abgeordnete verschliss sie über 50 Mitarbeiter. Keiner traute sich, etwas zu sagen. Bis alles aufflog: Dann wurde offen geredet vom schlechten Arbeitsklima im Büro, von Kontrollwahn der Chefin, die sich alles dokumentieren ließ. Von Telefonaten bis zum Gang zur Toilette, sie wollte alles wissen. Unsicherheit im Bewusstsein, dass der Lebenslauf in zentralen Punkten nicht der Wahrheit entsprach?

Gerüchte gab es immer mal wieder – doch öffentlich wurde nichts. Bis Ende Juli. Ein Essener Stadtmagazin berichtete schließlich von dem gefälschten Lebenslauf. Packten frustrierte Mitarbeiter aus? Kam die Information aus dem Ortsverein, um eine neue Kandidatur zu vereiteln? Unklar, bis heute.

Klar wurde schnell, dass Hinz nicht zu halten war. Sie räumte ihre Lügen ein, kündigte den Mandatsverzicht an. Doch sie zögerte – ein Fehler, der ihre politische Karriere und ihr persönliches Ansehen endgültig ruinieren sollte – diesen Schritt hinaus. Der Monat Juli verstrich, Hinz blieb weiter Abgeordnete, kämpfte sich in den August hinein. Brauchte sie die 14 000 Euro Diät und Aufwandsentschädigung?

Antworten blieb die früher so schlagfertige Politikerin schuldig. NRW-Justizminister Thomas Kutschaty, auch Chef der Essener SPD, telefonierte, versuchte Kontakt herzustellen. Nichts, Hinz tauchte ab, begab sich nach eigenen Worten in stationäre Behandlung.

Vor zwei Wochen meldete sie sich zu Wort. Sie werde Ende August ihr Bundestagsmandat niederlegen, erklärte sie in einer Mail. Und Anfang September auch aus der SPD austreten. Erleichterung in Essen und in Berlin. „Auf diesen Schritt haben wir alle gewartet. Es ist gut, dass Pe­tra Hinz ihn jetzt vollzogen hat“, ließ Thomas Kutschaty gestern mitteilen. Ob damit alle Fragen beantwortet sind, Petra Hinz wird es wissen.

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