Aus der Not heraus geboren
Genossenschaften erinnern an den 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Münster -

1847 ist ein elendes Jahr. Ernteausfälle beim Getreide und Kartoffelfäule machen Nahrungsmittel so knapp und teuer, dass Hungernde in Berlin Marktstände stürmen. Später spricht man von der „Kartoffelrevolution“. Auf dem Land schlagen sich entkräftete Menschen als Tagelöhner durch. Das Heimgewerbe steht in dieser vorindustriellen Phase mehr und mehr vor dem Niedergang. Die Notgroschen sind aufgebraucht.

Freitag, 30.03.2018, 11:03 Uhr

Aus der Not heraus geboren: Genossenschaften erinnern an den 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Die Genossenschaften erinnern in diesem Jahr auf vielfältige Weise an den 200. Geburtstag Friedrich ­Wilhelm Raiffeisens. Foto: Raiffeisenverband

Während die preußische Obrigkeit in Berlin Tumulte vom Militär niederschlagen lässt, setzt sich ein junger umtriebiger Kommunalbeamter im Range eines Bürgermeisters in Weyerbusch nahe Koblenz gegen seinen Landrat durch. Friedrich Wilhelm Raiffeisen , an dessen 200. Geburtstag sich weltweit Menschen erinnern, ruft im Westerwald den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der ländlichen Bevölkerung ins Leben.

Einen sogenannten „Brodverein“, der Geld von den noch etwas wohlhabenden Menschen einsammelt, ein Gemeindebackhaus errichtet, Saatkartoffeln erwirbt und bald den Ärmsten ermöglicht, Schulden zu begleichen. Der zielstrebige Mann mit Seitenscheitel und Nickelbrille begründet in seinem Bezirk aus der Not heraus die Genossenschaftsidee, macht Hilfsbedürftige zu Beteiligten – eine längst globale Bewegung, die heute zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehört.

„Westfälischer Bauernkönig“

Wie Raiffeisen, der in den Folgejahren noch viele Hilfsvereine gründet – darunter auch den „Heddesdorfer Darlehenskassenverein“ als erste Genossenschaftsbank – , handeln weitere Persönlichkeiten. Der Patrimonialrichter Hermann Schulze aus dem sächsischen Delitzsch gründet 1849 die ersten Genossenschaften für in Not geratene Handwerker. Und wenig später – 1862 – ergreift Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst die Initiative und gründet als Gegenbewegung zu den wirtschaftlichen Umbrüchen auf dem Hof Schulze Düding im Kreis Steinfurt den „Westfälischen Bauernverein“ und macht sich fortan für die Genossenschaftsbewegung in Westfalen stark. Die Genossenschaftsidee hat endgültig das Münsterland erreicht. Der „Westfälische Bauernkönig“ erweist sich als Sozialreformer.

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Vater der Genossenschaftsidee Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Foto: Raiffeisenverband

Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist in der Region heute ein Begriff, nicht nur, weil über 40 landwirtschaftliche Genossenschaften im Münsterland seinen Namen tragen. Überzeugte Genossenschaftler kennen den Gründervater und auch die Mitbegründer. Der überzeugte Christ und Reformer, der 1888 im Alter von 69 Jahren, hinterließ der Nachwelt ein Kooperationsmodell, das weltweit von über einer Milliarde Menschen gelebt wird. Sie sind in einer Genossenschaft organisiert, verwalten sich selbst und haften mit ihren Geschäftsanteilen.

Großes Entwicklungspotenzial

In Deutschland gibt es 8000 genossenschaftliche Unternehmen mit fast 23 Millionen Mitgliedern – von den Kreditgenossenschaften über die landwirtschaftlichen Genossenschaften bis hin zu den Sozialgenossenschaften.

Experten wie Professorin Theresia Threul, Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, attestieren den Genossenschaften noch ein großes Entwicklungspotenzial.

Werner Böhnke, früher Vorstandsvorsitzender der WGZ-Bank und Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, sieht in der 1847 geborenen Hilfe zur Selbsthilfe ebenfalls einen modernen Ansatz: „In unser politisch turbulenten Zeit verbindet diese Idee die Menschen – regional, national, europäisch und auch global – und sie ist aktueller denn je.“

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