«Großkriminelle Taten»
Großrazzia gegen Clankriminalität im Ruhrgebiet

Kampf gegen Clankriminalität: Zeitgleich haben Hunderte Polizisten in vielen Ruhrgebietsstädten Razzien begonnen. Ein Fokus lag auf der Bekämpfung von illegalem Glücksspiel.

Sonntag, 16.08.2020, 22:33 Uhr
Polizisten stehen während einer Razzia gegen Clankriminalität in einem Wettbüro in Essen.
Polizisten stehen während einer Razzia gegen Clankriminalität in einem Wettbüro in Essen. Foto: Caroline Seidel

Essen (dpa) - Mit einer Großrazzia sind die nordrhein-westfälische Polizei und zahlreiche Behörden in der Nacht zum Sonntag vor allem im Ruhrgebiet gegen Clankriminalität vorgegangen.

Kontrolliert wurden in mehr als zehn Kommunen etwa Shisha-Bars, Wettbüros, Spielhallen und Teestuben mit Clanbezug. Bei Verkehrskontrollen wurden nach illegalen Autorennen hochmotorisierte Sportwagen eingezogen. Hunderte Beamte waren im Einsatz.

Die NRW-Landesregierung fährt seit über zwei Jahren einen harten Kurs gegen Clankriminalität. NRW-Innenminister Herbert Reul ( CDU ) sprach am Abend von einer «Politik der tausend Nadelstiche» und einer «Null-Toleranz-Strategie». Eine ähnlich große konzertierte Aktion hatte es zuletzt Anfang 2019 gegeben.

Ein Schwerpunkt war Essen. Dort ging es den Behörden vor allem um die Bekämpfung von Straftaten im Zusammenhang mit Glücksspiel. Mit Erfolg: In einem Hinterzimmer eines Internet-Cafés wurde etwa ein Raum entdeckt, in dem Spielautomaten und Tische aufgestellt waren. Der Zugang zu dem Raum war hinter einem Spind versteckt.

Die Polizei vermutet, dass die Geräte nicht angemeldet waren. In einem anderen Bistro in der gleichen Straße im Stadtteil Kray fanden die Beamten drei mutmaßlich illegale Spielgeräte und einen Pokertisch. Insgesamt wurden in Essen aus fünf Objekten neun Geräte abtransportiert und weitere zwölf bemängelt.

Der Essener Polizeipräsident Frank Richter vermutet, dass Straftaten im Zusammenhang mit Glückspiel «ein wichtiges Standbein krimineller Clans sein» könnten. Die Bandbreite möglicher Straftaten zum Erwirtschaften hoher Gewinne sei sehr groß. So könnten neben illegal aufgestellten Spielgeräten unter anderem Delikte der Geldwäsche, Steuerhinterziehungen, illegales Glücksspiel und erpresserisches Aufstellen von Automaten eine Rolle spielen, teilte er am Sonntagmorgen mit.

Auch sonst hatten die Beamten in Essen gut zu tun: Zivilkräfte stellten vier illegale Straßenrennen fest. Vier Autos mit einem geschätzten Gesamtwert von über 400.000 Euro wurden sichergestellt, darunter ein Sportwagen im Wert von 250.000 Euro. Die Feuerwehr schloss eine Shisha-Bar wegen zu viel Rauch, das Ordnungsamt einen Club wegen Verstoßes gegen die Corona-Schutzverordnung. Zwei weitere Betriebe seien wegen Verstößen gegen Hygiene-Schutzbestimmungen geschlossen worden, berichtete die Polizei am Morgen. «Der Staat guckt hin und macht deutlich, dass er wehrhaft ist», sagte Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) bei einem Besuch vor Ort.

In Duisburg entdeckten die Beamten eine vermutlich illegale Spielhalle. Sie habe sich in einer vermeintlichen Teestube befunden, sagte ein Polizeisprecher. Insgesamt wurden in der Ruhrgebietsstadt 34.000 Euro Bargeld, 19 Spielautomaten und drei Kilo Shisha-Tabak sichergestellt. Elf Ladenlokale seien wegen erheblicher Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung geschlossen worden, berichtete die Polizei am Sonntag.

«Es geht darum, denen, die im Alltag diese Städte unsicher machen, zu zeigen: Das ist beendet, ihr kriegt hier jeden Tag Unruhe», sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) beim Besuch eines Einsatzortes in Essen. Es gelte die klare Ansage: «Hier gilt nicht das Recht der Familie, sondern das Recht des Staates.» Es handle sich nicht um Kleinkram, sondern um «großkriminelle Taten».

Durchsuchungen gab es auch in Bochum, Herne, Witten, Gelsenkirchen, Dortmund, Wuppertal und im Kreis Mettmann. Beteiligt waren neben starken Polizeikräften auch der Zoll, die Steuerfahndung, städtische Behörden und in einigen Städten auch die Bundespolizei und die Staatsanwaltschaft. An der Razzia in Essen war auch die Bezirksregierung Düsseldorf mit dem Sonderdezernat «Glücksspiel und Geldwäscheprävention» dabei.

Das Landeskriminalamt hatte im Mai 2019 das erste Lagebild zur Clankriminalität in Nordrhein-Westfalen vorgestellt. Demnach sah die Polizei in NRW 104 Clans mit kriminellen Mitgliedern am Werk. Allein in den Jahren 2016 bis 2018 sollen rund 6500 Verdächtige aus der Szene für mehr als 14.000 Straftaten verantwortlich gewesen sein. Als Clan-Hochburg in NRW gilt Essen. NRW-Innenminister Reul will an diesem Montag in Düsseldorf die erste Aktualisierung des Lagebilds vorstellen.

© dpa-infocom, dpa:200816-99-183096/4

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