Bundesagentur für Arbeit
Ein Jahr Härtetest - Arbeitsmarkt bleibt trotz Wunden stabil

Ein Jahr Corona-Pandemie - der deutsche Arbeitsmarkt hat die Belastungsprobe bisher überraschend gut überstanden. Wenngleich die Verlierer inzwischen klarer zu erkennen sind.

Dienstag, 02.03.2021, 16:30 Uhr aktualisiert: 02.03.2021, 19:26 Uhr
Mehrere Personen sitzen im Wartebereich der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart.
Mehrere Personen sitzen im Wartebereich der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart. Foto: Larissa Schwedes

Nürnberg (dpa) - Mehr als eine Million Langzeitarbeitslose, 500.000 Menschen zusätzlich ohne Job und Millionen Kurzarbeiter: Ein Jahr nach dem Beginn des ersten Corona-Lockdowns sind die Pandemie-Folgen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ablesbar.

«Es gibt erkennbar deutliche Opfer», sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit , Detlef Scheele , am Dienstag in Nürnberg: Ältere, Kranke, Migranten, weniger Qualifizierte. Die Langzeitarbeitslosigkeit steige, Minijobber seien besonders betroffen - allein durch Corona sank deren Zahl um 530.000, besonders im Handel und im Gastgewerbe.

Insgesamt stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland im Februar wegen der Corona-Pandemie saisonuntypisch leicht auf 2,904 Millionen Menschen, 4000 mehr als im Januar und 509.000 mehr als im Februar 2020. Nach saisonbereinigter Berechnung ging die Arbeitslosigkeit im Februar um 9000 nach oben. Die Arbeitslosenquote blieb unverändert bei 6,3 Prozent. «Diese Zahlen stimmen mich vorsichtig zuversichtlich, dass der Arbeitsmarkt auch in den nächsten Monaten stabil bleibt», sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in Berlin.

In normalen Jahren sinkt die Arbeitslosigkeit in Deutschland im Februar im Vergleich zum Januar leicht, weil erste negative Wintereffekte um diese Zeit abklingen. «Einzelne Branchen spüren die Folgen des Lockdowns», sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, am Dienstag in Nürnberg. In die Februar-Statistik flossen Daten ein, die bis zum 11. Februar erhoben wurden.

Die Kurzarbeit sichere weiter in großem Umfang Beschäftigung und verhindere Arbeitslosigkeit, sagte Scheele. Zwischen dem 1. und dem 24. Februar seien bei der Bundesagentur Kurzarbeitsanzeigen für 500.000 Personen eingegangen - nur halb so viel wie im Januar. Das Niveau sei seit November 2020 aber wieder erhöht, vor allem wegen der Schließungen im Einzelhandel und im Gastgewerbe.

Tatsächliche Daten zur Kurzarbeit stehen nur bis Dezember vergangenen Jahres zur Verfügung. Demnach wurde im letzten Monat des vergangenen Jahres für 2,39 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld gezahlt. Der Höchststand war im April vergangenen Jahres mit knapp sechs Millionen Menschen erreicht worden.

Im Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit forderte Scheele, rasch einen Gesetzentwurf zum 11. SGB-II-Änderungsgesetz zu verabschieden. Damit könne mehr Qualifizierung angeboten werden. «Wir sind eher ein bisschen skeptisch, ob sich die Helfersituation wieder herstellen lässt», sagte Scheele mit Blick auf ein gutes Angebot von Hilfsjobs vor Beginn der Corona-Pandemie. «Die Arbeitsmarktlage ist nicht geeignet, diesen Menschen große Hoffnungen zu machen», sagte Scheele. Vor der Krise sei es mit Hilfe einer Vielzahl von Instrumenten gelungen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen um 300.000 zu drücken.

Ein Jahr Corona hat auch bei der Ausbildung deutliche Spuren hinterlassen. Die Zahl der gemeldeten Stellen wie auch die der Bewerber sei noch einmal deutlich zurückgegangen. «Hier spiegeln sich auf Stellenseite die Einschränkungen und Unsicherheiten durch die Pandemie sowie die Transformationsprozesse in der Wirtschaft wider», so die Bundesagentur. «Auf Bewerberseite muss davon ausgegangen werden», dass Meldungen unterbleiben, weil die gewohnten Zugangswege versperrt sind und durch digitale Angebote nicht vollständig ersetzt werden können», heißt es weiter. Scheele brachte das Problem auf den Punkt: «Wir erreichen die Jugendlichen im Moment schlecht.» Berufsberatung, Ausbildungsmessen - all das finde nicht statt. Lehrer und Eltern müssten in die Bresche springen.

Heil verwies darauf, dass schon seit Sommer 2020 das Bundesprogramm «Ausbildungsplätze sichern» zur Verfügung stehe. Die Ausbildungsprämie des Bundes nahmen aber laut Bundesagentur bisher nur knapp 34.000 Betriebe an. Viel wüssten noch gar nicht, dass es das Instrument gebe, fand das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jüngst heraus. «Deshalb möchte ich diesen Schutzschirm breiter spannen und verbesserte Leistungen einem größeren Kreis an Betrieben zugänglich machen», sagte Heil.

«In dieser Krise kämpfe ich nicht nur um jeden Arbeitsplatz, sondern auch um jeden Ausbildungsplatz», betonte er. Worte, die etwa im besonders betroffenen Gastgewerbe gern gehört werden, wo die Ausbildung in den vergangenen zwölf Monaten einer Achterbahnfahrt mit häufigen Aussetzern glich.

«Viele angehende Hotelfachleute und Servicekräfte haben mehr als ein Drittel ihrer Ausbildung im Lockdown verbracht», sagte die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Claudia Tiedge. Wegen fehlender Praxis im Betrieb und ausgefallenem Berufsschulunterricht wachse nun die Sorge vor den Abschlussprüfungen im Sommer. «Häufig liegt die Ausbildung de facto seit einem Jahr brach», sagte Tiedge.

© dpa-infocom, dpa:210302-99-651786/4

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