Auf Holsken in Uropas Zeit
24 Stunden wie im August 1914

Viel ist derzeit zu lesen über den Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren begann. Eine Frage kommt dabei oft zu kurz: Wie war das Leben der einfachen Leute damals? Wir haben eine Familie ins Münsterland des Jahres 1914 zurückgeschickt.

Montag, 04.08.2014, 12:08 Uhr

Klack, klack, klack. Die „Holsken“ klappern und kratzen auf den Natursteinen. Klack, klack, klack von sechs kleinen Füßen. Aus drei Tornistern baumeln die gehäkelten Läppchen zum Abwischen der Schiefertafeln. Bei jedem Schritt klappern leise die Stifte in den Griffelkästen. Die Köpfe mit den Mützen gehen hin und her. Jetzt aber schnell: Das „Fräulein Lehrerin“ läutet schon die Handglocke. Artig trotten Jakob (10), Simon (8) und Elias (5) durch die Tür ins Klassenzimmer mit dem Bismarck-Bild, setzen sich still in die Doppel-Holzbänke. „Füße zusammen, die Hände liegen auf dem Pult“, mahnt das „Fräulein“. Holz schabt auf Holz, als die Jungs folgsam ihre Füße nebeneinanderstellen. Ein Bild wie aus dem Jahr 1914; doch es ist 2014.

Auf Holsken in Uropas Zeit

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  • Einmal 24 Stunden leben wie im August 1914, kurz vor dem 1.Weltkrieg. Dieses Experiment trat Familie Grosse auf dem Mühlenhof an. Dazu gehört es auch, die Schulbank nochmal zu drücken.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die wichtigsten Utensilien in der Schule vor 100 Jahren waren eine Schiefertafel zum Schreiben, ein gehäkeltes Läppchen, um diese sauber zu machen und natürlich eine Glocke, mit der die Lehrerin zum Stundenbeginn läuten konnte.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • „Bescheiden meldet sich das artige Kind!“, erklärt das Fräulein Lehrerin. Wer was sagen will, muss den Unterarm auf den Tisch stellen und mit zwei Fingern aufzeigen. Wer was sagt, muss dafür aufstehen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Im Unterricht selbst mussten die Kinder immer still sitzen. Die Füße zusammen stellen, die Hände liegen auf dem Pult. Allerdings haben sich die Kinder damals, wie hier auch Simon und Jakob, nicht immer daran gehalten.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Aber mit Fräulein Berner haben die beiden eine nachsichtige Lehrerin, die lieber einmal mehr wegschaut und anstatt Prügel, den Kindern Fleißkärtchen gibt, mit der Aufschrift „Dem braven Kinde“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Nach der Schule jedoch, konnten die Kinder der Vorkriegszeit auch viel Spaß haben, wie man hier zweifelslos sieht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Da es damals noch keine Playstation oder ähnliches gab, mussten die Kinder sich ihr Spielzeug oft selbst basteln.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Doch wer spielen will, muss auch arbeiten. Im Jahre 1914 mussten die Kinder bei den täglich anfallenden Arbeiten kräftig mit anpacken.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • So war z.B. eine der typischen Aufgaben für Kinder, den Blasebalg beim Schmied zu bedienen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Dies war natürlich eine anstrengende und teilweise auch gefährliche Arbeit, denn wie auch die Kinder damals schon wussten, mit Feuer spielt man nicht. Kleiner Nachtrag: Den Feuerlösche im Bild gab es 1914 noch nicht in der Form - aber sicher ist sicher.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Hie putzen Elias, Simon und Jakob die Holsken, so wie es früher am Samstagabend üblich war.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich mussten auch die Eltern ordentlich anfassen. So wie hier Vater Hendrik. Er musste mit der Sense das Gras schlagen. Und bevor man dies machen konnte, musste natürlich das Arbeitsgerät Daumenbreite für Daumenbreite bearbeitet werden. Jede Scharte will ausgewetzt und weggedengelt werden.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Und auch seine Anziehsachen musste man sich damals noch selbst herstellen, so wie hier Mutter Nicole.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Bei der Arbeit mit dem Stoff galt besondere Vorsicht. Man hatte wenig Geld und jedes kaputte Teil war verschwendet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Auch bei dieser Arbeit fasst die ganze Familie mit an.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Vor 100 Jahren brauchte man für Tätigkeiten, die man heute in ein paar Sekunden fertig hat, viel Zeit und Anstrengung. Wer kochen wollte, musste z.B. vorher erst Brennholz besorgen. Teilweise musste dies sogar noch extra dafür geschlagen werden.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Jedoch gibt es auch Konstanten. Damals wie heute schälen sich die Kartoffeln nicht von alleine.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Selbst solche, für uns heute banalen Sachen wie Kaffee kochen, kosteten damals viel Zeit. Holz hacken, die Kochmaschine anfeuern, mit klackernden Holsken Wasser von der Pumpe holen. Und dann gab es meistens noch nicht mal echten Kaffee, da dieser ziemlich teuer war. Stattdessen trank man oft „Muckefuck“, ein Mix aus geröstetem Getreide und Zichorienwurzeln.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Auch das Bad nahm viel Zeit in Anspruch. Wo man heute nur den Hahn drückt und schon läuft die Badewanne voll, musste man damals Holz hacken, Ofen anfeuern, Wasser heiß machen, zur Wanne schleppen, eingießen...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Kinder schlafen in den Alkoven des alten Mühlenhauses, ein Bett im Schrank. Jedoch fanden sie es dort zu staubig und die Betten waren zu weich. Geschlafen haben sie nach diesen anstrengenden Tag jedoch trotzdem.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Familie hat einen guten Einblick bekomme, wie hart und anstrengend das Leben unser (Ur-)Urgroßväter und -Mütter war. Zwar ist es nicht so hektisch wie heutzutage, dafür jedoch aufwendiger. Auch deswegen überrascht es wenig, dass die Eltern sich auf zwei Sachen jetzt besonders freuen: „Auf die Dusche und auf den Kaffeeautomaten!“

    Foto: Wilfried Gerharz

Jakob, Simon und Elias sind auf Zeitreise. Mit ihren Eltern Nicole und Hendrik Grosse (er)leben sie im Freilichtmuseum Mühlenhof in Münster einen Tag und eine Nacht wie eine arme Bauernfamilie im Sommer 1914. Jenem Sommer, der Europa in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs stürzte. Für einen Fünfjährigen liegen aber andere Sorgen viel näher: „Bekommen wir in der Schule gleich auch Prügel?“, fragt Elias ängstlich. Abwarten. Und erst einmal die Regentropfen vom Schulweg abschütteln.

So lebte man vor dem Weltkrieg I.

Gerade gießt es wie aus Eimern. Das macht sich im Nachtquartier der Sendenhorster Familie unangenehm bemerkbar. Mutter Nicole fröstelt. Feucht ist es im alten Mühlenhaus. Kühl weht es durch die Tennentür. Keine Doppelverglasung, keine Fußbodenheizung – dafür auch im Sommer Wollsocken in den Holsken. „Und dieser Geruch nach kaltem Rauch.“ Die 36-Jährige weist auf die Feuerstelle. „Der bleibt in allen Kleidern hängen.“ „Besonders gesund waren diese Häuser nicht“, räumt Josef Vasthoff (76) ein. Als „ Öhm Josef “ verteilt der Experte des Mühlenhof-Vereins, der selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, heute die Arbeit für die Bauernfamilie – und davon gibt es reichlich.

Videos

Weitere Videos von der "Zeitreise" ins Jahr 1914 haben wir hier gebündelt .

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Vom Mediengestalter zum Bauern

Vater Hendrik Grosse holt weit aus. „Ja, schön lang durchziehen“, lobt Öhm Josef. „Die ganze Sense ist bezahlt.“ Dafür, dass es das erste Mal ist, stellt sich der 41-Jährige, der sonst sein Geld als Mediengestalter verdient, nicht ungeschickt an. „Das sieht gar nicht schlecht aus. Die meisten hauen erst einmal die Spitze der Sense in den Boden“, erklärt „Öhm Josef“ lächelnd. Bei Hendrik dagegen fällt mit jedem Zug eine gute Portion frisches Gras. Kein Wunder, die Sense ist scharf wie ein Rasiermesser. „Zum Glück sind die Holsken geradezu Sicherheitsschuhe“, sagt Öhm Josef.

Man küert noch so gärn üöwer de guette aolle Tiet, aowwer kineen will se wier häbben

"Öhm" Josef Vasthoff

Eben erst hat Hendrik die Sense am Amboss vor der Schmiede bearbeitet. Daumenbreite für Daumenbreite. Immer wieder saust der Hammer auf das gebogene Sensenblatt. Jede Scharte will ausgewetzt, weggedengelt werden. „Fühl mal“, sagt Schmied Wilfried Olliges, „aber vorsichtig.“ Hendrik guckt ungläubig, aber die Warnung ist berechtigt. Der „Bauer“ legt den Daumen auf die Schneide: „Tatsächlich! Sauscharf.“

Kaffekochen

Nicole kocht schon den Kaffee für die Pause. Kaffeekochen? Kinderspiel! Von wegen: Holz hacken, die Kochmaschine anfeuern, mit klackernden Holsken Wasser von der Pumpe holen. Das Kaffeemehl in der Handmühle mahlen. Zur Feier des Tages gibt es „echten Bohnenkaffee“, keinen „Muckefuck“ aus geröstetem Getreide und Zichorienwurzeln. Das Kaffeemehl wandert direkt in die Kanne. Wasser drauf – abwarten. Kaffee muss sich setzen. Das fertige Gebräu schmeckt nicht mal schlecht – auch wenn „Prütt“ auf den Zähnen knirscht. Nicole verzieht dennoch ein wenig das Gesicht. „Zu Hause an meinem Automaten geht das mit einem Knopfdruck.“

Was heute dank Elektrizität und Maschinen ein einziger Griff ist, war 1914 jede Menge Handarbeit – bis hin zum Baden. Heute genügt ein Dreh am Hahn, aber damals: Holz hacken, Ofen anfeuern, Wasser heiß machen, zur Wanne schleppen, eingießen . . .

Muße muss sein

Das Leben 1914 ist anstrengend, da ist die „Ünnerst“, die Mußestunde, ein Muss. Zeit für die Zeitung. Die Schlagzeile am 2. August 1914: „Das Volk steht auf! Das Vaterland ruft seine Söhne zu den Waffen.“ Das Deutsche Reich hat seine Truppen mobilgemacht. „Das kann man nicht lesen“, stellt Simon fest. Für die Kinder grenzt die Frakturschrift an Hieroglyphen – unlesbar. Und dann die Sprache: „Auf denn ihr Männer und Jünglinge, schart Euch um die siegreichen Fahnen von 1813 und 1870.“ „Was soll das heißen?“ Vater Hendrik erklärt: „Vor hundert Jahren wäre auch ich eingezogen worden, hätte eine Flinte bekommen und Soldat werden müssen.“ Ernste Gesichter auch bei den Kindern. Opa hat schon einmal vom Krieg erzählt . . .

Kinderspiele

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht: Elias, Simon und Jakob müssen tüchtig anpacken – so wie alle Kinder im Jahr 1914. Holzschuhe wienern, Eier aus dem Hühnerstall holen, beim Schmied den Blasebalg ziehen. Die drei Jungs haben alle Hände voll zu tun.

Wann haben die Kinder 1914 eigentlich gespielt? Und was? „Reifentreiben“, zum Beispiel, sagt Elke Berner, Volkskundlerin am Mühlenhof. Jakob, Simon und Elias haben es sofort raus: Mit einem Stock stoßen sie den einen Meter großen Holzreifen vor sich her, „fahren“ mit laut klackernden Holzschuhen Achten um die Mutter und Öhm Josef herum. Schwieriger ist es beim „Pietskendopp“ oder „Pitschendopp“: Immer wieder wickelt Simon die Schnur der „Peitsche“ um den Kreisel und zieht. Immer wieder drischt er auf den Kreisel ein. Keine Chance – der Kreisel dreht ein paar müde Runden und kippt. Naja, an der Playstation gewinnt man auch nicht im ersten Anlauf.

Am Abend stürmen die Kinder die Betten. „Ich schlafe hier“, stellt Jakob klar. Kein Wunder. Wer hat auch schon einmal in einem Alkoven – quasi einem Bett im Schrank – geschlafen. Und wie war die Nacht? „In dem Schrank war es etwas staubig“, sagt Jakob. „Nicht gut für meine Allergie.“ „Und das Bett war zu weich“, sagt Simon. Geschlafen haben sie trotzdem.

Nachsichtiges Fräulein

Und würden die Kinder mit ihren (Ur-)Urgroßeltern 1914 tauschen wollen? Eher nicht. Der Verzicht aufs Fernsehen ist nicht das Problem. Eher die Schule: Simon winkelt den Unterarm nach oben, zwei Finger zeigen in die Höhe. „Da musste man ganz stillsitzen und so aufzeigen“, sagt er. „Fräulein Berner“ hat den Jungs die Schulregeln 1914 eingebläut: „Bescheiden meldet sich das artige Kind.“ Aufstehen muss, wer mit dem „Fräulein“ redet – Schuldienst ist etwas für Unverheiratete, für „Juffersche“. Frauen, die heiraten, sind raus.

Bescheiden meldet sich das artige Kind

Die Lehrerin - Fräulein Berner

Mit „Fräulein Berner“ haben die Jungs eine nachsichtige Lehrerin erwischt. Als Simon und Jakob spielerisch mit ihren Holsken und Mützen aufeinander losgehen, schaut sie weg. Statt Prügel gibt es Fleißkärtchen. Aufschrift: „Dem braven Kinde“.

Fazit

Und was bleibt für die Erwachsenen vom Zeitsprung – außer Hendriks Blase am Zeh von den Hols­ken? „Es war spannend“, sagt Hendrik. „Viel Arbeit, aber vielleicht ging es etwas weniger hektisch zu als heute“, sagt Nicole. Worauf die beiden sich jetzt freuen: „Auf die Dusche – und auf den  Kaffeeautomaten.“

Familie Grosse: Fazit

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