Was der Olfener Küster, Organist und Erzähler Bernhard Holtmann den Soldaten ins Feld schrieb
„Van’t Mönsterland in’n Unnerstand“

Im Jahre 1916 war Bernhard Holtmann (geboren 1872 in Laer, gestorben 1947 in Olfen) Küster und Organist an St. Vitus in Olfen und in der Region bekannt für seine plattdeutschen Gedichte und Erzählungen („Vetellselkes“). Er sei ein „bewährter Mitarbeiter am Heimatgruß für die Krieger“ des „Westfälischen Merkur“, und er wurde 1916 „von der Schillerstiftung durch eine größere Ehrengabe ausgezeichnet“. Der „Verlag der Westfälischen Vereinsdruckerei“ in Münster vermerkte dies in Heft 4 (1916) seiner Schriftenreihe „Van’t Mönsterland in’n Unnerstand: En Stück Heimat in’t Feld“. 13 Texte enthält diese 48-seitige Broschüre, darunter auf 4 Seiten (S. 39-42) erzählte Überlegungen zu „Usse Härguott un de Krieg“.

Mittwoch, 20.08.2014, 11:08 Uhr

 
  Foto: Ernst Feix

Der Autor trifft in diesen Vetellseln auf Frau Bollerkamp, wenige Tage nach „Peter und Paul“ (Donnerstag, 29. Juni 1916), nach dem „Herz-Jesu-Fest“ (Freitag, 30. Juni) und dem darauf folgenden Sonntag (2. Juli) mit der kleinen Prozession („Un Sunndags hew wi met de kleine Prossion sluoten.“). Am Sonnabend (1. Juli) habe man ein wenig Atem holen können nach den drei, vier Tagen, an denen man habe beten müssen: „Düsse Dag hew wi biäden moßt, drei, veer Dage lank. Saoterdag, wao man lük Aohm haolen konn.“

An einem dieser Gebetstage sei er mit der Bollerkampschen („de Bollerkämpsk“) nach Hause gegangen, „den aollen Mulfechter“: „Ach was“, sagte sie, „all das Beten hilft ja nichts, wir haben ja voriges Jahr drei Tage gebetet, und all die Zeit immer Kriegsandachten über Kriegsandachten und was die Leute sonst noch so beten, ich glaube, unser Herrgott lässt es einfach so laufen, ich weiß auch nicht, was ich sagen soll“: „Dat Biäden helpt jä all niks, wi hewt jä vüörges Jaohr all drei Dag biädt, un dör te Tied immer Kriegsandachten üöwer Kriegsandachten un wat de Lü nao so biädt, ik gleiw, usse Härguott laot’t men rullen, ik weet’t auk nich, wat’k seggen sall.“

Die beiden trennten sich; sie nahm ihren „Fotpatt“, und Bernhard Holtmann ging durch die Felder und machte sich so seine Gedanken („Hew’k nao so dacht, es’k alleen dör’t Feld gonk“): Wenn es an der Zeit sei, werde der Herrgott uns schon zeigen, dass er das Heft noch in der Hand habe. „Dass er uns nicht verlässt und mit uns ist, haben wir doch deutlich genug gese-hen. Er hat uns vor allem den Krieg aus dem Land gehalten, und das ist gewiss doch schon viel ... Unser Herrgott wird uns bald ein fröhliches Friedensfest feiern lassen, wenn wir es verdient haben. Gebetet haben wir wieder und wieder, und wir bleiben auch dabei. Endlich muss er es doch leid werden; wenn wir nicht aufgeben, und aufgeben tun wir nicht“: „Dat he uns nich ve­­läöt un met us is, hew wi doch dütlik genog seihn. He het us vüör allen den Krieg ut’t Land haollen, un dat is gewiß all wane viel ... Usse Härguott wäd us wull baol en fröhlich Friedensfest fiern laoten, wann wie’t es vedeint hewt. Biädt hew wi wier un wi bliwt d’r an. Endlikes mot he’t doch leed wäden, wenn wi nich upgiewt, un upgiewen do wi nich.“

Als man in Olfen am Samstag, am 1. Juli 1916, vom vielen Beten ein wenig Atem holen konnte, starben am ersten Tag der Schlacht an der Somme 21 000 „üble Engländer“ („äösige Englänners“) und 8000 deutsche Soldaten (bis Mitte November auf beiden Seiten mehr als 1 600 000 tote und verwundete Soldaten!), darunter gewiss auch viele „Mönsterlänner“, seine Adressaten im „Unnerstand“, denen er schon im Kriegsjahr zuvor von der Kollekte für die Krieger („Up Kollekt vüör de Kriegers“) berichtet hatte und vom Glockengeläut, wenn man mal wieder gesiegt hatte („Up eenmaol häörden wi, dat se met alle Klocken an’t lüden wüörn. Dat was wier en Sieg.“: Heft 1, S. 38-41).

So mancher „Mönsterlänner“, der nicht anders dachte und empfand als diese bemitleidenswerten jungen Studenten, dürfte Bernhard Holtmanns Heftchen recht ungehalten gelesen haben: Am 11. Juli 1915 schrieb der Theologiestudent Johannes Haas (Schleswig): „Fremd sind uns die meisten Lieder und Dichtungen von Euch zu Haus. Wir erleben es anders.“ Auf dem Schlachtfeld schrieb er einen letzten kurzen Brief: „Liebe Eltern! Ich liege auf dem Schlachtfeld mit Bauchschuß. Ich glaube, ich muß sterben. Bin froh, noch einige Zeit zu haben, mich auf die himmlische Heimkehr vorzubereiten. Dank Euch, Ihr lieben Eltern! Gott befohlen. Hans.“ Johannes Haas ist am 1. Juni 1916 vor Verdun gefallen.

Am 19. Januar des Kriegsjahres 1915 schrieb der Philologiestudent Walter Ambroselli aus Brandenburg: „Im Graben kam ich ... an einem jungen Kriegsfreiwilligen vorüber, der ... tot dalag. Vor ihm lag ein französischer Korporal. Beide hatten sich mit den Bajonetten gegenseitig durchrammt; in jedem steckte noch die Waffe des Gegners.“ Walter Ambroselli ist am 12. Mai 1916 vor Verdun gefallen.

Am 30. Dezember 1915 schrieb der Philologiestudent Otto Heinebach (Berlin): „Manchmal scheint es mir, als müsste die allgemeine Friedenssehnsucht aller Völker ... das Ende des Mordens notwendig herbeiführen ... Dann endete freilich der Weltkrieg, der mit so unerhörten Sturmfluten nationaler Begeisterung einsetzte, wie eine Farce ...“. Otto Heinebach ist am 14. September 1916 in Frankfurt im Lazarett gestorben.

Am 2. Juli 1918 schrieb der Theologiestudent Otto Brian (Baden): „Diese Kirche, dieses Christentum, wie es die meisten Pfarrer betätigen, (kann) diesen Krieg nicht erklären ... Es wird doch kein Mensch behaupten wollen, daß der Krieg sich mit den Worten Gottes verträgt! ... Und der Krieg ist eben nur eine ganz große und deutliche entsetzliche Auswirkung menschlichen Tuns. Und wenn er einmal da ist, so haben wir auch darin ... Christen zu sein: tapfer, ehrlich und treu.“ Otto Brian ist Anfang November 1918 bei Villers (Dun an der Maas) gefallen. Die Zitate sind nachzulesen in dem Buch „Kriegsbriefe gefallener Studenten“, München 1928, hg. von Philipp Witkop.

In der St.-Vitus-Kirche wird der 137 Gefallenen (1914-1918) aus Olfen (Vinnum, Sülsen, Sandfort, Kökelsum, Rechede) gedacht, aber auch mit dem Ehrenmal im Stadtpark: „In den Schlachten des Ersten Weltkrieges starben 112 Väter und Söhne den Heldentod“. Bernhard Holtmann hat in seinen „Kriegsgedichten un Geschichten up mönsterlänsk Platt“ (Trü un Graut in Naut un Daut. Lüdinghausen: Rademann 1915) verkündet: „Wi gaoth met Guott, vör ussen Kaiser, / Wi schwört em Trü bes in den Daut“. Und er hat eine Mutter „den lesten Breef“ ihres Sohnes lesen lassen: „Nu sett se eensam in de Stuow, / Ehr ist üm’t Hiät so weh, / Faolt hen un wier de wielken Hänn: / Dein Wille, Herr, gescheh!“

Usse Härguott un de Krieg“: Als Bernhard Holtmann seine kleine Erzählung schrieb und sie „Van’t Mönsterland in’n Unnerstand“ an deutsche Soldaten verbreiten ließ, ist er als tiefgläubiger katholischer Küster und Organist seinem Heiligen Vater (Papst Benedikt XV.) nicht gehorsam gefolgt, nicht anders als die meisten Katholiken, Laien und Priester, bis hin zu den Bischöfen, die, trotz des päpstlichen „Friedensgebets“ (1915), mit Kriegsandachten den Gläubigen Rippenstöße versetzten und Siegesmeldungen per Glockengeläut verkündeten („Ik mein, et is doch ganz guet, dat usse Bischöfe us es wier son kleinen Rippenstaut giewen hewt.“).

Man folgte nicht dem „Apostolischen Mahnschreiben“ des Papstes „an die kriegführenden Völker und ihre Staatsoberhäupter“ („Allorche fummo chiamati“) vom 28. Juli 1915. In englischer und französischer, in italienischer und in deutscher Sprache wurde es veröffentlicht: „Wir beschwören Euch, o Herrscher der nun im Kriege sich befindlichen Völker, endlich diesem entsetzlichen Kampfe ein Ende zu bereiten, welcher seit einem Jahr Europa entehrt.” Im Italienischen, der Muttersprache des Papstes, ist von „orrenda carneficina“ die Rede, in der englischen Fassung von „horrible slaughter“ und in der französischen von „horrible boucherie“. Aus der „grauenhaften Schlächterei“ hat der deutsche vatikanische Übersetzer, den Text verfälschend, einen „entsetzlichen Kampf“ gemacht, interpretierbar bis hin zu einem leider notwendigen Ringen miteinander.

Bernhard Holtmann hat den Soldaten, die sich den „grauenhaften Schlächtereien“ nicht entziehen konnten, von der sicheren münsterländischen Heimatfront aus mit selbstverständlicher Gelassenheit und Siegeszuversicht, die den Herrgott in die Pflicht nahm, eine Geschichte erzählt von der Notwendigkeit dieses „Kampfes“. Im Jahre 1938 wurde Bernhard Holtmann wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen; er durfte fortan seine Gedichte und Geschichten nicht mehr veröffentlichen.

Zum Thema

* Der pensionierte Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Antonius Holtmann, Jahrgang 1936, ist Enkel von Bernhard Holtmann. Er leitet die „Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA“ an der Universität Oldenburg. 

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