Serie „Kriegsende in Nottuln“
„Schlechte Ostern, bessere Pfingsten, gute Weihnachten“

Nottuln -

Viele Nottulner Bürger mussten im April 1945 ihre Häuser verlassen und sich in Schuppen und Speichern einrichten, um den alliierten Soldaten Platz zu machen.

Mittwoch, 08.04.2015, 08:04 Uhr

Historisches Bild: Das Foto zeigt das Hotel Laun und die alte Post, in dem die Alliierten zum Teil untergebracht waren.
Historisches Bild: Das Foto zeigt das Hotel Laun und die alte Post, in dem die Alliierten zum Teil untergebracht waren. Foto: privat

„Schlechte Ostern , bessere Pfingsten , gute Weihnachten“, schrieb der Nottulner Blaudrucker Wilhelm Kentrup nach Ostern 1945 in sein Tagebuch. Das Kriegsende bedeutete für die Bevölkerung zwar einerseits die lang ersehnte Befreiung von der Naziherrschaft, hatte aber auch andererseits die Besatzung durch alliierte Truppen zur Folge. Die erste Vormarschtruppe, zu der – wie der Chronist schreibt – „eine ganze Anzahl Schwarze (Afrikaner) gehörte“, zog schon nach wenigen Tagen weiter. Danach folgte eine weitere Truppe. Viele Nottulner Bürger mussten ihre Häuser verlassen und sich in Schuppen und Speichern einrichten, um den Soldaten Platz zu machen.

Die Alliierten wohnten unter anderem im Hause Laun, in der alten Post, im Hause Boer und in der kleinen Schule an der Stiftsstraße. Die Küche war im Gasthaus Denter eingerichtet. Es wurde eine Ausgangssperre verhängt für die Nottulner, die es nicht erlaubte, sich abends auf der Straße aufzuhalten. In diesen Tagen unternahmen die Russen aus dem Gefangenenlager auf dem Baumberg ihre Rache- und Beutezüge. „Meiner Schwester ist die gesamte Aussteuer geklaut worden, wozu auch einige Nachthemden gehörten. Tage später sah man einige der Ukrainerinnen in den Nachthemden im Dorf spazieren gehen“, erzählt ein Zeitzeuge.

Einem Bauern wurde von betrunkenen Soldaten sämtliches Vieh erschossen. Die Nottulner Bauern schenkten ihm daraufhin so viel, wie er vorher hatte. Doch nicht allein die Plünderungen waren bedrohlich, vielmehr die zunehmenden Vergewaltigungen. Viele Frauen und junge Mädchen aus den Bauerschaften suchten deshalb Zuflucht bei Bekannten im Dorf, um sich vor nächtlichen Überfällen zu retten. Einige Bauern hatten ihre Pflugscharen aufgehängt, um daran Alarm zu schlagen, wenn Hilfe benötigt wurde.

Zwei Nottulner und ein Russe wurden in diesen Tagen getötet. Aus Angst, von den deutschen Truppen ins Ungewisse abtransportiert zu werden, waren in der Karwoche 90 Soldaten aus dem Franzosenlager geflohen, das sich seinerzeit in Tombrocks Saal befand. Einige von ihnen fanden Unterschlupf bei Nottulnern, bei denen sie gearbeitet hatten, andere suchten sich Verstecke in Scheunen. Als die Alliierten dann vor Ort waren, kehrten sie zurück. Diese privaten Hilfsaktionen und auch die gute Behandlung der Kriegsgefangenen sollten sich später für einige Nottulner bezahlt machen.

Nachdem vor Ort die englische Kommandantur eingerichtet war, begannen die Verhöre der Nazis. Sowohl die russischen als auch die französischen Gefangenen machten dazu Aussagen anhand von Namenslisten, die sie angefertigt hatten. Einige Franzosen bestätigten, dass bestimmte Nottulner mit der braunen Partei nichts zu tun gehabt hatten. Um vor Plünderungen und Schlimmerem geschützt zu sein, nahmen viele Nottulner Franzosen zu sich, die den Engländern versicherten, dass diese Leute politisch sauber waren.

Marietheres Wübken war in den ersten Tagen einmal für einen englischen Soldaten als Dolmetscherin eingesprungen, was ihr und ihrer Familie später viel Ärger ersparte. Die Zeitzeugin erzählt: „Er verlangte in unserem Geschäft einen Zettel. Darauf schrieb er: This house is o.k. Mit diesem o.k. konnte ich damals nichts anfangen. Aber durch die Art und Weise, wie er auftrat und mir den Zettel überreichte, war ich mir sicher, dass es etwas Gutes bedeutete. Später einmal kamen mehrere Soldaten, die unser Haus durchsuchen wollten. Als der Anführer diesen Zettel an der Kasse sah, pfiff er seine Männer zurück und sie ließen uns in Ruhe.“

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