Wie Günter Grass hatte die SS auch Heinrich Ostrop zwangsrekrutiert
„Diese Zeit tut am meisten weh“

Münster Wenn Heinrich Os­trop vom Krieg erzählt, wirkt das so, als rede da ein aus der Zeit Gefallener. Der Führer und die Front, der Vater, der den Nationalsozialismus aus tiefstem Herzen verabscheute, der Sohn, den sich die SS holte und in den Krieg schickte: „Blicke ich auf mein Leben zurück, ist eindeutig das die Zeit, die am meisten wehtut“, sagt der 90-Jährige.

Montag, 13.04.2015, 21:04 Uhr

Nachdenken über den Zweiten Weltkrieg: Der 90-jährige Heinrich Ostrop erinnert sich an die Zeit vor 70 Jahren.
Nachdenken über den Zweiten Weltkrieg: Der 90-jährige Heinrich Ostrop erinnert sich an die Zeit vor 70 Jahren. Foto: Wilfried Gerharz

In diesen Tagen vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg im Münsterland zu Ende. Heinrich Ostrop , beredt wie eh und je, ist einer der wenigen noch verbliebenen Zeitzeugen, die all das erlebt haben.

Vorweg, die Waffen-SS : An­ders als der just verstorbene Günter Grass , der in der gleichen Einheit diente, hat Ostrop nie einen Hehl daraus gemacht, Mitglied der „Panzerdivision Frundsberg“ gewesen zu sein. Unfreiwillig wohlgemerkt. „Darum hat mir später daraus auch niemand einen Strick gedreht“, sagt er.

Der Vater legte wütend Ein spruch ein gegen die zwangsweise Rekrutierung sei­nes da­mals 18-jährigen Sohnes. Deren Kern: Diese Truppe habe einfach keine christliche Bindung. „Mein Vater war gottesfürchtig und mutig zugleich“, sagt Ostrop. Den Protest-Brief hat er noch immer.

Es nutzte nichts. „Führerbefehl“, antwortete knapp das Wehrbezirkskommando Coesfeld. Der junge Heinrich wurde im Januar 1943 eingezogen – und Panzermann. Erst geht es in den Osten zur Ausbildung, dann in den Westen, anschließend noch weiter in den Osten, in die Ukraine. Ostrop nimmt an der Schlacht von Tarno­pol teil – und muss wieder zurück nach Frankreich. Dort wird er zweimal verwundet. Danach ist der Krieg für ihn zu Ende. Wir schreiben den Monat Februar 1945.

Schon im August 1945 wird er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrt zurück auf den elterlichen Hof bei Olfen. Er hatte sein Soldbuch behalten und nie verheimlich, in welcher Einheit er gekämpft hatte. Wer so agiert, lügt nicht, resümierten die Amerikaner und glaubten ihm die reklamierte Rechtschaffenheit.

Ob er aus damaliger Sicht ein guter Soldat gewesen ist? „Nein“, sagt Ostrop. Er habe „immer viel Angst gehabt“, sei nie „ein tapferer Soldat gewesen“. Überhaupt sei die Angst damals sein „stärkstes Gefühl“ gewesen. Kein Wunder: Ostrop war gerade 20, als der Krieg endlich zu Ende war.

Und wie sieht er sich heute? Eher als Täter oder mehr als Opfer? Hier ist die Antwort ein reflektiertes Sowohl-als-auch. Opfer ja, weil er zwangsrekrutiert wurde, Täter? Nicht wirklich. Aber schuldig im dem Sinne, dabei gewesen zu sein, unfreiwillig mitgemacht zu haben in diesem Krieg, der nicht der seine war. Da quält ihn sein Gewissen; „auch wenn ich nie bewusst auf jemanden geschossen habe und das auch nie gekonnt hätte“, sagt er. Wirklich losgelassen haben ihn die zwei Jahre im Krieg jedenfalls nie mehr.

Als CDU-Landtagsabgeordneter, der er nach seiner Zeit als Diözesanreferent der Landjugend im Bistum Münster war, habe er immer mal wieder an Volkstrauertagen sprechen müssen. Das sei ihm jedes Mal schwergefallen. Weil die Veranstaltungen zumindest in den ersten Jahren grundsätzlich etwas von Heldenverehrung hatten. „Und glauben Sie mir“, sagt der 90-Jährige mit fester Stimme. „Mit Heldentum hat ein Krieg nichts zu tun, rein gar nichts.“

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