Solidarische Landwirtschaft
Frische Ernte gegen Mitgliedsbeitrag

Münster/Altenberge -

Eine Gruppe von Menschen beteiligt sich finanziell an einem Hof, im Gegenzug erhalten sie monatlich einen Anteil der Ernte. So funktioniert das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Gärtnerhof Entrup 119 in Altenberge.

Dienstag, 28.11.2017, 12:11 Uhr

"Community Supported Agriculture" nennt sich die Idee, die die Initiative auf dem Hof Entrup in Altenberge lebt.
"Community Supported Agriculture" nennt sich die Idee, die die Initiative auf dem Hof Entrup in Altenberge lebt. Foto: Hof Entrup

Es sind nicht die nackten Kilometer vom Heim bis zum Acker, die zählen. Es sind Gefühle wie Nähe, Transparenz und Vertrauen, die für die Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft auf dem Gärtnerhof Entrup 119 entscheidend sind. Das Wort „Regionalität“ wird zwar auch auf dem Grün- und Ackerland in Altenberge gerne in den Mund genommen. Doch nicht als Synonym für die reine Transportentfernung. Vielmehr als Ausdruck für die Nähe zu dem Betrieb, dessen Acker noch an den eigenen Stiefeln klebt; zu den dort arbeitenden Menschen, mit denen man per Du ist; und zu den dort wachsenden Lebensmitteln, die einen schon als Samen durch die Finger rieselten.

Frische Ernte gegen einen Mitgliedsbeitrag: Das ist das Konzept des Hofs Entrup in Altenberge.

Frische Ernte gegen einen Mitgliedsbeitrag: Das ist das Konzept des Hofs Entrup in Altenberge. Foto: Hof Entrup

Das Wort „Gegenbewegung“ klingt mehr nach Protest als nach Idylle. Und doch beschreibt es relativ gut das, was in Altenberge seit rund zehn Jahren auf dem sogenannten CSA-Hof existiert. Die drei Buchstaben stehen für „Community Supported Agriculture“, auf Deutsch gerne übersetzt mit „Solidarische Landwirtschaft“. Die Idee dahinter: Mitglieder beteiligen sich mit einem bestimmten Betrag an dem Hof, im Gegenzug erhalten sie einen Anteil der Erzeugnisse. Der Produzent hat ein gesichertes Einkommen, der Verbraucher Produkte aus erster Hand. Zwischenhändler gibt es nicht.

30 Hektar groß

30 Hektar ist der Hof in Altenberge groß, zwei Drittel davon sind Grünland, sechs Hektar Acker, drei Hektar Wald. Mit dem, was dort wächst und entsteht, werden die derzeit 120 CSA-Mitglieder ordentlich versorgt. Vor allem im Sommer. Da beginnt der ein oder andere schon einmal mit dem Einfrieren und Einkochen für den Winter, wenn die Ernte naturgemäß etwas mauer ausfällt. Doch auch mit Wintergemüse  wie Grünkohl oder Rote Beete lässt sich einiges anstellen, wie Rainer Roehl sagt. Er ist zweiter Geschäftsführer der Genossenschaft Gärtnerhof Entrup eG, diese betreibt und pflegt den Hof mit ihrem selbst ernannten Hof-Team. Eigentümer der 30 Hektar ist der Verein Initiative Entrup 119, der im Gegenzug eine Pacht von der Genossenschaft bekommt. 

Solidarische Landwirtschaft

Bei dem Konzept der Solidarischen Landwirtschaft bzw. der „Community Supported Agriculture“ (CSA) sind die Lebensmittel vom Markt abgekoppelt. Landwirtschaftliche Betriebe oder Gärtnereien schließen sich mit einer Gruppe privater Haushalte zusammen und bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft. Die Gruppe verpflichtet sich, jährlich im Voraus einen festgesetzten, meist monatlichen Betrag an den Hof zu zahlen. Dadurch ist der Betrieb weitgehend unabhängig von Schwankungen der Marktpreise. Mit diesem Betrag bewirtschaftet der Landwirt den Hof. Dafür erhalten die Abnehmer einen Anteil der Ernte sowie in der Regel weiterverarbeitete Produkte, zum Beispiel Brot oder Käse. Zumeist entscheidet die Gruppe einmal jährlich auch über die Beitragshöhe fürs neue Jahr sowie die Ausrichtung der Produktion.

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Rainer Roehl und seine Frau ernähren sich zwar nicht ausschließlich von dem, was der Hof hergibt. Doch von den rund 45 Gemüsesorten, die dort das Jahr über angebaut werden, kommt so einiges bei ihnen auf den Teller, wie der studierte Ernährungswissenschaftler erzählt: „Wir haben unsere Kochkreativität in den letzten Jahren sehr gesteigert.“

Bio-Qualität

Der Hof setzt wie fast alle CSA-Betriebe auf Bio-Qualität. Schon 1991 schloss sich die Hofstelle dem Demeter-Verband mit seinen Bewirtschaftungsrichtlinien an, synthetischer Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel sucht man seitdem vergebens. Auch die Hofbäckerei verarbeitet nur Getreide von anderen Bio-Betrieben. Rund 120 Schafe liefern zudem bis zu 1000 Liter Milch pro Woche, die in der hofeigenen Käserei dann zu Schafskäse und Joghurt verarbeitet werden.

Rund 120 Schafe liefern bis zu 1000 Liter Milch pro Woche.

Rund 120 Schafe liefern bis zu 1000 Liter Milch pro Woche. Foto: Hof Entrup

Solche Qualität hat ihren Preis. Für im Schnitt 145 Euro im Monat bekommen CSA-Mitglieder die frische Ernte direkt beim Bauern oder in einer der Abholstellen. Wem das zu viel ist, der zahlt 80 Euro für die halbe Ernte. Etwa die Hälfte der Erzeugnisse des Hofes gehen an die CSA-Mitglieder, die andere verkauft die Genossenschaft im Hofladen und auf Wochenmärkten.

Einziger CSA-Betrieb im Münsterland

Der Hof in Altenberge ist bislang der einzige CSA-Betrieb im Münsterland. Auch deutschlandweit ist das Konzept noch eine Ausnahme. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft listet knapp über 160 derartige Betriebe in ganz Deutschland, längst nicht alle davon sind genossenschaftlich organisiert wie in Altenberge. Ebenso gibt es Landwirte oder Gärtner, die sich dafür entscheiden, Abnehmer direkt an ihrem Betrieb zu beteiligen, manchmal schließen sich auch gleich mehrere Landwirte zusammen und kooperieren. Und mal sind es die Verbraucher selbst, die die Initiative ergreifen und sich einen Bauern suchen, der mitmachen will.

Für Roehl ein Konzept mit Zukunft

Ein Konzept mit Zukunft? Geht es nach Rainer Roehl, dann ja. Denn zum einen wachse die Nachfrage und damit auch das Angebot solcher Höfe. Zum anderen habe das Konzept auch aus wirtschaftlicher Sicht Vorteile, betont Roehl. Er nennt als Beispiel die extremen Regenfälle 2014 in Münster und Umgebung, die viele Äcker und Felder überschwemmten. Viele Gemüsesorten überstanden das nicht. Doch egal, wie die Ernte ausfällt: Die Mitglieder zahlen ihre Beiträge – und tragen so auch Risiken mit.

Dass es nicht ohne große marktwirtschaftlich orientierte Betriebe geht, verneint Roehl aber auch nicht. Trotzdem braucht es seiner Ansicht nach auch Betriebe wie den Gärtnerhof, die die Wünsche nach mehr Transparenz, Nähe und Beteiligung erfüllen. Es sei auch eine „Antwort auf die zunehmende Globalisierung und Intransparenz in der Lebensmittelwirtschaft“, meint Roehl: „Wir wissen, was wo wann und wie gewachsen ist und von wem was produziert wurde.“

Die Mitmachtage auf dem Hof Entrup werden gut angenommen, vor allem von Familien.

Die Mitmachtage auf dem Hof Entrup werden gut angenommen, vor allem von Familien. Foto: Hof Entrup

Das schafft emotionale Nähe – und eint die Mitglieder. Sie treffen sich an den Abholtagen, helfen an Mitmachtagen bei der Ernte mit, können den Stall für die Ziegen von innen sehen. Roehl beschreibt es wie eine „Gemeinschaft ohne Zwang“. Mithelfen darf jeder. Müssen tut es niemand.

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