Fernweh (3): Ein Jahr in Westböhmen
Freiwillige in der Kulturhauptstadt 2015 - Pilsen

Münsterland / Pilsen -

Pilsen ist die viertgrößte Stadt Tschechiens und Europäische Kulturhauptstadt 2015. Hier leistet Esther Benning seit fünf Monaten ihren Europäischen Freiwilligendienst im deutsch-tschechischen Koordinierungszentrum Tandem. Sie berichtet über ihre Eindrücke während des Auslandsjahrs und ihre Arbeit im Projekt „ Erlebe Pilsen!“, bei dem sie zusammen mit tschechischen Studenten interaktive Stadtführungen anbietet. Esther ist 18 Jahre alt und hat ihr Abi am Goethe-Gymnasium in Ibbenbüren gemacht.

Montag, 10.02.2014, 15:02 Uhr

Wo sind Sie gerade?

In Westböhmen. Pilsen liegt sehr nah an Deutschland und ist bekannt für die Pilsner Urquell-Brauerei. Hier arbeite ich im deutsch-tschechischen Koordinierungszentrum zusammen mit einer anderen Freiwilligen aus Baden Württemberg. In meinem Projekt „Erlebe Pilsen!“ organisiere ich zusammen mit meiner Kollegin Bara den Aufenthalt deutscher oder deutsch-tschechischer Gruppen und führe interaktive Stadtführungen mit den Teilnehmern durch. Ich hatte immer unterschiedliche Gruppen bei Stadtführungen. Zum Beispiel ein Schüleraustausch mit 30 bayrischen und Pilsner Schülern, Polizisten aus dem deutsch-tschechischen Grenzgebiet und Studenten vom Uni Radio in Passau.

Woher kommen Sie?

Ich komme aus Ibbenbüren. Es ist schön, mal in einer größeren Stadt zu leben, in der mehr los ist. Pilsen ist glücklicherweise eine Studentenstadt und außerdem europäische Kulturhauptstadt 2015. Also gibt es hier viele Konzerte, Theaterveranstaltungen, Ausstellungen und im Sommer auch Festivals. Gute Möglichkeiten jedenfalls, um Leute kennen zu lernen.

Was hat Sie ins Ausland getrieben?

Ich habe schon bei mehreren Schüleraustauschen mitgemacht und bin viel rumgereist, nach dem Abi zwei Monate in den USA. Ich wollte andere Kulturen und andere Sprachen kennenlernen. Außerdem wusste ich noch nicht, was ich studieren sollte. Jetzt habe ich mich sogar fast entschieden. Ein bisschen Zeit zwischen der Schule und dem Studium hilft. Ich habe mich aber nicht getraut, in einem Projekt in einem Entwicklungsland weit weg zu arbeiten, weil ich mich dafür noch nicht bereit fühle. Ich glaube jetzt, dass ich noch ein Jahr ins Ausland gehen werde, wenn ich älter bin.

Was war während Ihrer Zeit in Tschechien das bisher schönste Erlebnis?

Ich habe gute Freunde gefunden und mich bis vor kurzem nicht einsam gefühlt. Das ist, wie ich jetzt bemerke, das schönste für mich. Außerdem habe ich mich getraut, einen Bunge-Sprung zu machen. Ich bin von einer 40 Meter hohen Zugbrücke in der Nähe von Pilsen gesprungen. Das Gefühl dabei hat mich richtig euphorisiert. Das war ein guter Start ins Auslandsjahr. Erfolgsmomente waren auch meine ersten Konversationen auf Tschechisch. Vor kurzem habe ich mich zum Beispiel das erste Mal richtig mit dem Praktikanten in meinem Büro unterhalten. Er hat auf Deutsch geredet und ich auf Tschechisch. Vor fünf Monaten konnten wir uns nicht unterhalten, weil wir nicht die gleichen Sprachen sprechen konnten. Jetzt, nachdem wir beide Sprachkurse besuchen, sind unsere Konversationen zwar sehr bröckelig, aber es funktioniert. Auch wenn wir meistens nur Sachen sagen wie: „Das ist interessant“ oder „ Das ist sehr gut!“, freue ich mich darüber.

Was machen Sie genau?

Ich arbeite von neun bis vier im Büro und bereite entweder Stadtführungen vor oder führe sie durch. Natürlich mache ich die Stadtführungen nicht alleine. Es kommt immer jemand mit und wir wechseln uns mit dem Reden ab. Die meisten Stadtführer in unserem Projekt sind Studenten. Jetzt im Winter gibt es kaum Stadtführungen, dafür arbeite ich an der neuen Internetseite des Projekts und plane außerdem den Aufenthalt einer deutschen Journalisten-Gruppe im Februar. Dafür müssen wir, meine Projektmitarbeiterin und ich, mit Organisationen in Pilsen zusammen arbeiten, die mit dem Europäischen Kulturhauptstadt 2015-Büro kooperieren.

Das ist viel Arbeit, da die Kommunikation mal mehr und mal weniger gut verläuft.

Außerdem unterrichte ich - unabhängig von meinem Projekt - einmal in der Woche eine achte Klasse in Deutsch. Da merkt man mal, wie es ist, Lehrer zu sein. Jetzt kann ich gut nachvollziehen, wenn Lehrer nach mehreren Jahren im Beruf keine Anstrengung mehr zeigen und immer wieder das gleiche machen. In meinen Klassen gibt es oft Schüler, die überhaupt kein Bock haben und nicht mitmachen wollen. Andererseits gibt es aber auch Schüler, die wirklich hilfsbereit und interessiert sind. Man muss schon Kraft haben, jeden Tag aufs Neue vor der Klasse zu stehen.

Ich habe zwei Mal in der Woche Einzelunterricht und einmal Sprachkurs an der Uni. Darauf freue ich mich immer sehr. Der Sprachkurs an der Uni läuft auf Tschechisch und Russisch ab, da die meisten Studenten aus Russland, Weißrussland oder Usbekistan kommen. Deswegen habe ich mir jetzt sogar Kyrillisch beigebracht und verstehe ein paar russische Worte. Trotzdem weiß ich oft nicht, worüber der Professor gerade redet. Aber es ist immer jemand unter den Studenten, der mir dann hilft.

Außerdem reise ich am Wochenende viel. Im Oktober gab es ein On Arrival Training, bei dem ungefähr 20 Europäische Freiwillige die gerade in Tschechien sind, zusammen gekommen sind. Dadurch habe ich viele Leute kennengelernt, die für ein Jahr überall verstreut in Tschechien wohnen.

Im November habe ich einen Spanier, der in Ústí nad Labem in einem Jugendzentrum für Roma Kinder arbeitet, besucht. Die Stadt liegt eine viertel Stunde von der deutschen Grenze entfernt und heißt auf Deutsch Aussig. Dort wohnen viele Roma-Familien. Der Stadtteil, in dem das Jugendzentrum steht, ist ausschließlich von Roma Familien bewohnt. Die Häuser sind heruntergekommen und sehen aus wie Ruinen. Das ist ziemlich traurig anzusehen.

Was kann man im Ausland lernen?

Das hängt stark davon ab, wo man ist, was man macht und wie man sich verhält. Es ist etwas anderes, in Mazedonien in einem Roma-Viertel zu helfen und bei einer mazedonischen Familie zu leben als in einem deutsch-tschechischen Büro im Nachbarland zu arbeiten und mit einer Deutschen in einem Studentenwohnheim zu leben. Ich habe bis jetzt ein bisschen Tschechisch gelernt und kleine Unterschiede zwischen Deutschland und Tschechien festgestellt – es gibt, soweit ich es festgestellt habe, eigentlich keine großen. Tschechen sind so nett und gleichzeitig so verschlossen wie man es über Deutsche sagt. Die Leute beschäftigen sich mit den gleichen Dingen, wie die Deutschen. Sport, Kultur, Arbeit, Schule, Studium. Es gibt nichts, was man in Deutschland grundsätzlich anders kennt. Man kann über Tschechen sagen, dass sie Naturliebhaber sind. Außerdem sind viele sehr sportbegeistert. Und Hockey ist der wichtigste Sport hier- anders als in Deutschland.

Ansonsten habe ich gemerkt, dass ich ein ziemlich unsicherer Mensch bin. Daran muss ich noch arbeiten. Ich habe immer noch nicht gelernt, besser mit Kritik umzugehen. Ich nehme alles, was mir gesagt wird, viel zu ernst und zweifle sehr an mir. Aber ich bin mir sicher, dass es jedem im Ausland mal so geht, und ich habe ja noch viel Zeit vor mir, in der ich mich entwickeln kann.

Würden Sie für immer auswandern?

Ja, aber nicht weit weg und nur, wenn mir das, was ich im Ausland mache, Spaß macht und ich dort Freunde habe.

Schon mal unter Heimweh gelitten?

Ich habe nicht richtig unter Heimweh gelitten, aber mich einsam gefühlt. Ich war traurig und unzufrieden, aber ich habe mich nicht wieder nach Hause gewünscht.

Was würdest Sie jungen Leuten raten, die Fernweh haben?

Es lohnt sich, ins Ausland zu gehen. Es ist wichtig, etwas zu machen, dass zu einem passt und dass ihr gut könnt. Ihr verbringt die meiste Zeit mit arbeiten. Also wäre es gut, wenn es euch Spaß macht und erfüllt!

 
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