Fernweh (6): Elly Frense kam durchs Theater nach Kairo
Auf der Straße wird mehr gelacht

Nottuln /Kairo -

Elena Frense (23) spielt Theater. Das führte sie von Nottuln über Berlin nach Kairo. Dort lebt sie in der Nähe des Tahrir-Platzes, mitten im Herzen der ägyptischen Millionenstadt, die so oft in den Schlagzeilen steht.

Samstag, 01.02.2014, 03:02 Uhr

Wo sind Sie gerade?

Zuhause: in Downtown Kairo . 10 Minuten zu Fuß vom Tahrir-Platz entfernt.

Und woher kommen Sie?

Ich bin in Münster geboren, in Nottuln aufgewachsen und mit 20 nach Berlin gezogen. Das heißt, eigentlich wohne ich in Berlin und studiere Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Französisch an der Freien Universität im siebten Semester.

Was hat Sie ins Ausland getrieben?

Ganz besonders meine FreundInnen aus Kairo, die ich durch ein gemeinsames Theaterprojekt kennengelernt habe. Im März 2013 bin ich im Rahmen des Projekts erstmals zusammen mit einer Gruppe von 10 Mitgliedern des reisenden Berliner Filmfestivals „Moviemiento“, in dem ich seit 2012 aktiv bin, nach Kairo geflogen. Dort hat meine Liebe für Ägypten und die Leute erst begonnen, da ich vorher noch nie hier, geschweige denn in einem anderen arabischen Land war. Zusammen haben wir an einem Theaterstück („A Plastic Dream“) geschrieben, das dann von den 10 ägyptischen Schauspielerinnen im Juni in Berlin und später dann auch in Kairo aufgeführt wurde. Als die Theatertruppe Berlin besucht hat, habe ich einige tiefe Freundschaften geschlossen. Und weil ich ohnehin vorhatte, diesen Winter nicht im grauen Berlin zu verbringen, habe ich beschlossen, nach Kairo zu gehen und hier für meine Bachelorarbeit zu forschen.

Was war dort das bisher schönste Erlebnis?

Elly Frense (r.) mit Ägyptern auf einem Workshop der „Anti-Harassment Movement“ (soziale Bewegung gegen Belästigung) in Port Said.

Elly Frense (r.) mit Ägyptern auf einem Workshop der „Anti-Harassment Movement“ (soziale Bewegung gegen Belästigung) in Port Said.

Wenn ich ehrlich bin waren und sind die schönsten Momente die, die ich mit guten Freundinnen teilen konnte und in denen ich gespürt habe, wie gut wir uns verstehen, obwohl wir so unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, so verschiedene Sprachen sprechen und so unterschiedliche Dinge erlebt haben, wie z.B. die Revolution 2011, die ich nur in den Medien verfolgt, meine Freundinnen allerdings hautnah miterlebt haben.

Was machen Sie?

Hauptsächlich bin ich damit beschäftigt, Arabisch zu lernen und Deutsch zu unterrichten sowie für meine Bachelorarbeit in Kommunikationswissenschaft zu forschen. Dabei geht es um die Agenden von Frauenrechts-Organisationen im Vergleich zur Agenda ägyptischer Medien. Und ja, ab und zu reise ich auch. Im Dezember war ich in Alexandria und in der Oase Siwa, nahe der lybischen Grenze. Und am letzten Wochenende war ich mit einer Aktivisten-Gruppe auf einem Workshop in Port Said. Diese Gruppe („Anti-Harassment Movement“) setzt sich gegen sexuelle Belästigung, insbesondere von Frauen während politischer Proteste, wie es sie zu Haufe während der Revolution und während der Proteste gegen Ex-Präsident Mursi auf dem Tahrir-Platz gab, ein.

Ansonsten hält mich allerdings mein Alltag in Kairo ziemlich gut auf Trab, sodass ich nur selten aus Kairo herauskomme!

Vergleichen Sie mal die Mentalität der Menschen in Ihrer neuen Heimat mit den Münsterländern.

Puuh, diese Frage finde ich sehr schwer zu beantworten, da man schnell Stereotype reproduziert, die ich eigentlich gar nicht mag, weil sie Menschen über einen Kamm scheren, die doch alle sehr verschieden sind. Aber wenn ihr mich so fragt, kann ich nur sagen, dass die meisten ÄgypterInnen sehr gastfreundlich und hilfsbereit sind. Fast schon ein bisschen zu sehr: Ich bekomme immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei Leuten zu Hause so „hofiert“ werde.

Ja, ich glaube auch, dass in Ägypten mehr gelacht wird, auf der Straße, und überhaupt mit Fremden. Das könnten sich die Münsterländer auch mal angewöhnen!

Ansonsten gibt es natürlich einige Unterschiede aufgrund der Religionen. Der Islam ist hier sehr weit verbreitet und die Gesellschaft hat daher auch andere Normen, als im christlichen Deutschland bzw. im Münsterland. Dennoch merke ich immer wieder, egal wo man auf der Welt ist, dass die Menschen doch alle im Grunde sehr ähnlich sind: Die meisten lieben gutes Essen, lachen gerne, gönnen sich gerne mal etwas, feiern gerne Partys und und und....

Was kann man im Ausland lernen?

Soooo viel. Insbesondere über einen selbst, über die eigene Herkunft, die Werte und Normen, die man zuvor für „normal“ gehalten hatte, ohne es überhaupt zu merken, die Privilegien, die man in Deutschland ohne groß darüber nachzudenken als selbstverständlich ansieht. Was es bedeutet, in Deutschland in einem halbwegs sicheren Staat zu leben. Denn Sicherheit ist ein gesellschaftlicher Wert, den man erst bemerkt, wenn man ihn nicht hat. Und natürlich auch viel über das Gastland: neue Sprachen, Bräuche, Werte und politische Ansichten, die man zuvor nie gesehen hatte, weil sie nicht in eine westliche Perspektive auf die Welt passen.

Würden Sie für immer auswandern?

Für immer vielleicht nicht, aber bestimmt für eine ganze Weile. Ich glaube ich bin ein Mensch, der es ab und zu braucht, ins kalte Wasser geschmissen zu werden und sich komplett neu zu orientieren. Aber letztlich bin ich dann auch froh, irgendwann wieder im gemütlich warmen Bett zu sein. Also in meiner Wahlheimat Berlin, wo alles so ist, wie ich es kenne, wo ich meine Muttersprache sprechen kann und wo alles doch irgendwie einfacher ist.

Schon mal unter Heimweh gelitten?

Ja, natürlich. Nicht selten. Insbesondere, als ich noch kaum ein Wort Arabisch gesprochen habe und ich abends mit meinen FreundInnen zusammen saß, die alle wild durcheinander gequatscht und gelacht haben und ich einfach nichts verstanden habe. Das waren wirklich schwierige Momente, in denen ich eine Glaswand zwischen den anderen und mir gespürt habe. Aber ich bin froh, dass diese Momente immer weniger werden, weil mein Arabisch immer besser wird. Aber ja, in diesem Situationen habe ich mir immer gewünscht, mit meinen FreundInnen aus Deutschland zusammen zu sein, die ich verstehe und mit denen ich lachen kann.

Was würdest Sie jungen Leuten raten, die Fernweh haben?

Auf jeden Fall machen! Und keine faulen Ausreden suchen!

 
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