Juliane Dietrich machte die Wende mutig
Klassensprecherin nach dem Mauerfall

Potsdam -

„Es war klar: Wenn wir in den Urlaub fahren, dann drapierte mein Vater Haare in der Wohnung, um kontrollieren zu können, ob jemand in der Zeit schnüffeln kommt“, erinnert sich Juliane Dietrich.

Donnerstag, 06.11.2014, 16:11 Uhr

Vernetzt ihre Generation: Juliane Dietrich.
Vernetzt ihre Generation: Juliane Dietrich. Foto: Sven Gatter

Auch die Dunkelkammer des Vaters, eines Bauingenieurs und selbstständigen Ofensetzers, der sich in der Umweltbewegung engagierte und die für die Region typischen, dem Verfall geweihten Umgebindehäuser fotografierte, war für die Mitarbeiter der Staatssicherheit von Interesse.

In Seifhennersdorf in der Oberlausitz als viertes Kind kirchlich aktiver Eltern aufgewachsen, war sie gerade eingeschult worden, als die Mauer fiel.

„Wir haben vor dem Essen gebetet, viel gesungen, ich bin nachmittags zur Christenlehre, zum Flöten- und Klavierunterricht und sonntags in die Kirche gegangen. Ich hatte einen vollen Terminkalender, ganz anders als die Nachbarskinder“, erinnert sich die 32-jährige. In der DDR gehörte ihre Familie aber einer Minderheit an.

Schätzungen der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge waren 1989 etwa 60 bis 70 Prozent der DDR-Bürger konfessionslos. „Ich war schon im Kindergarten eine Außenseiterin“, sagt die Sozialpädagogin. Dann kam die Wende und Julianes Klassenlehrerin fragte, ob sie Klassensprecherin werden wolle. „Wäre die Mauer nicht gefallen, ich wäre ein komplett anderer Mensch: zurückgezogen, schüchtern und hätte mit Repressalien zu kämpfen.“

Und heute? Leitet die junge Mutter gemeinsam mit ihrem Ehemann Johannes Dietrich in Potsdam Biografieworkshops, gibt Journalisten regelmäßig Interviews und gestaltet so den öffentlichen Ost-West-Diskurs mit.

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