9. November änderte alles
Hans-Peter Dellwing pfiff damals den Pokalgipfel

Münster -

Was war das nur für ein Tag für die Menschen in Stuttgart, dieser 9. November 1989! Da kegelte der VfB erstmals in seiner Vereinsgeschichte den FC Bayern München durch ein 3:0 aus dem Pokalwettbewerb. Doch blieb dieser Erfolg medial allenfalls eine Randnotiz.

Samstag, 08.11.2014, 15:11 Uhr

Hans-Peter Dellwing war am Tag des Mauerfalls Schiedsrichter des Pokalspiels zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern. Dass Fritz Walter (kl. Foto, re.) gegen Bayerns Jürgen Kohler zwei Treffer erzielte, ging an diesem historischen Tag unter.
Hans-Peter Dellwing war am Tag des Mauerfalls Schiedsrichter des Pokalspiels zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern. Foto: Imago

Die Grenzöffnung stellte den Stuttgarter Triumph in jener Nacht von Donnerstag auf Freitag klar in den Schatten. „An Einzelheiten des Spiels kann ich mich nicht erinnern, umso mehr an die besonderen Umstände im Stadion“, sagt Hans-Peter Dellwing , der damals Schiedsrichter des Pokalgipfels war.

Pokalspiel statt Live-Schaltung

Auch die Programmgestalter des deutschen Fernsehens wurden angesichts der Dynamik der Entwicklung auf dem falschen Fuß erwischt. In der „Tagesschau“ berichtete Sprecher Jo Brauner kurz nach 20 Uhr über die Grenzöffnung. Auf eine Live-Schaltung hatte die ARD aber verzichtet. Stattdessen übertrug die Fernsehanstalt das Pokalspiel. Gleichwohl gab es während der Halbzeitpause erste Live-Bilder aus Berlin. Daran erinnert sich Dellwing noch: „Wir durften in den VIP-Raum und sahen dort im Fernsehen, was sich in Berlin ereignete. Wir konnten es kaum begreifen, das war unglaublich.“

Mantel der Geschichte rauschte

Unter den Zuschauern sorgte zunächst der Treffer durch Fritz Walter zur Stuttgarter 1:0-Pausenführung für Gesprächsstoff. Als dann Bilder von der Grenzöffnung auf der Videowand im ausverkauften Neckarstadion übertragen wurden, kippte die Stimmung. Eine Mischung von Ergriffenheit und stiller Freude machte sich breit. Plötzlich spürten auch 67 500 Fans in Stuttgart , wie 630 Kilometer nordöstlich der Mantel der Geschichte rauschte. Dellwing zeigte Fingerspitzengefühl. Auch deshalb, weil er selbst innerlich aufgewühlt war. „Am liebsten hätte ich die Pause noch weiter ausgedehnt“, sagt er. „Da das Spiel aber live gesendet wurde, waren wir zeitlich gebunden und mussten raus.“

Wegen der Fußball-Übertragung stieg das Fernsehen erst in den „Tagesthemen“ ab 22.42 Uhr mit umfassender Berichterstattung ein. Dort verkündete Moderator Hanns-Joachim Friedrichs mit tragender Miene: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Derweil hatten sich Dellwing und seine Assistenten im Hotel eingefunden. Wobei das Pokalspiel längst abgehakt war; selbst unter den Offiziellen. „Wir alle haben uns gefreut, wie die Mauer fiel und die Menschen sich in den Armen lagen. Das sind Bilder, die man niemals vergisst.“

Von Schönefeld zur Krim

Welche Auswirkungen die Grenzöffnung für den Unparteiischen hatte, erfuhr er nur vier Tage später. Mit seinen Kollegen Dieter Pauly und dem 2001 verstorbenen früheren Fifa- und Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Neuner sollte Dellwing am 13. November auf der damals zur UdSSR gehörenden Halbinsel Krim ein Länderspiel leiten. Für das Schiedsrichter-Team wurde es eine Tour mit Hindernissen. „Wir hatten den Tipp gekriegt, dass man jetzt ab Schönefeld auf die Krim fliegen kann. Deshalb sind wir nach Tegel gereist, um von dort nach Ostberlin zu fahren. Von Schönefeld aus wollten wir dann weiter auf die Krim fliegen.“

Taxifahrt im letzten Moment

Allerdings hatte Dellwing nicht bedacht, dass vier Tage nach dem Mauerfall die Menschen dem Braten noch nicht trauten. „Kein Mensch wollte uns nach Ostberlin fahren. Deshalb saßen wir eine Zeit lang in Tegel fest und befürchteten sogar, überhaupt nicht mehr wegzukommen“, berichtet der mittlerweile 64-Jährige. Buchstäblich im letzten Moment habe sich ein Chauffeur gefunden, der bereit war, die 35 Kilometer lange Strecke von West- nach Ostberlin auf sich zu nehmen. „Das war ein freundlicher ausländischer Staatsbürger, der uns in seinem Taxi nach Schönefeld gefahren hat. Ich bin ihm noch heute dankbar“, berichtet der Referee.

Es sind diese Erinnerungen, die den 9. November 1989 zu einem ganz besonderen Tag machen – gewiss auch für Hans-Peter Dellwing.

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