Sie kamen aus dem Kosovo
Viel Fleiß und gute Freunde

Ibbenbüren -

Die Krasniqis sind Ibbenbürener. Seit über 20 Jahren. Beruflich selbständig, in Vereinen aktiv. Schulisch erfolgreich. Aber ihre Flucht aus dem Kosovo hat sie lebenslänglich geprägt.

Mittwoch, 24.06.2015, 17:06 Uhr

Naser, Aida und Sohn Florian (l.) Krasniqi in dem Fliesenlager des Betriebs. Sie haben sich in Ibbenbüren eine Zukunft aufgebaut, aber noch viele Verbindungen ins Kosovo.
Naser, Aida und Sohn Florian (l.) Krasniqi in dem Fliesenlager des Betriebs. Sie haben sich in Ibbenbüren eine Zukunft aufgebaut, aber noch viele Verbindungen ins Kosovo. Foto: Wilfried Gerharz

An den Brief von der Ausländerbehörde wird sich Naser Krasniqi (49) immer erinnern. Er hatte gerade ein altes Haus gekauft, verlegte Fliesen: „Und dann las ich, ich müsste mit meiner Frau und den Kindern ausreisen. In zehn Tagen.“ Die Post kam an einem Novembertag vor 15 Jahren.

Heute sitzt Krasniqi in demselben Haus, seine Frau Aida (47) stellt Erdbeerkuchen auf den Tisch, die Tochter Flora (24) kredenzt Kaffee. Am Wochenende ist man bei Krasniqis zu Hause. „Zu Hause“, sagt er, „fühlen sich unsere Kinder da, wo sie das Ibbenbürener Kraftwerk sehen können.“

Was nach dem Abschiebe-Brief der Steinfurter Ausländerbehörde geschah, ist in einem grünen Aktenordner dokumentiert, der vor ihm auf dem Tisch liegt.

Zeitungsberichte, Schreiben, Petitionen. Der Kosovo-Albaner, der 1991 mit seinem einjährigen Sohn Ari und seiner hochschwangeren Frau aus seiner Heimatstadt Peja floh, hatte Freunde. Vor allem seinen Chef, Theo Schrameyer , der den Fliesenleger unbedingt behalten wollte. Bis zu Bundespräsident Rau schrieb er damals. Mit Erfolg.

Naser und Aida Krasniqi stammen aus der zweitgrößtes Stadt des Kosovo . Seine Mutter hat sechs Kinder großgezogen: „Mit 13 bin ich morgens zur Schule gegangen, und nachmittags zur Arbeit“, sagt er. Arbeit – das ist sein Schlüssel zum Erfolg.

Ende der 80er Jahre studierte er Sport, als Serbien die Autonomie des Kosovo aufhob, Unruhen ausbrachen, Menschen starben. Als es für ihn und seine Familie gefährlich wurde, floh er nach Deutschland.

Nichte Vanessa Krasniqi macht Musik.

Nichte Vanessa Krasniqi macht Musik.

Zwei seiner Brüder lebten schon hier. Einer in Iserlohn. Dessen Tochter Vanessa sang vor einigen Jahren bei DSDS und Supertalent mit.

Naser Krasniqis Asylantrag wurde abgelehnt, aber als Flüchtling erhielt er eine Duldung und ging arbeiten: Zuerst bei Sanobub in Recke, dann als Teppichverleger, danach als Fliesenleger. Das hatte er in Jugoslawien gelernt. Heute hat er sein eigenes Fliesen-Geschäft und ein volles Auftragsbuch. Auf seinem Werkstattwagen steht: „Wir verlegen Ihre Träume.“

Arbeit und Sport

Sein Integrationsrezept? Arbeit, Lernen, Sport. Bei Arminia Ibbenbüren trainierte er nach seiner Flucht die Mini-Kicker. Bei der ISV steht er heute bei den alten Herren im Tor, wenn er Zeit hat. „Beim Sport“, sagt er, „lernt man Leute kennen. Gute Leute.“

Die Krasniqis nahmen gleich nach ihrer Ankunft an Deutschkursen teil. Und sie schickten ihre Kinder aufs Gymnasium. Ari (25) studiert International Business in Groningen und macht ein Praktikum in der Schweiz. Tochter Flora steht kurz vorm Bachelor in Vechta: Mathe und Geografie. Florian (13) braucht noch ein paar Jahre bis zum Abi. „Nächstes Jahr“, sagt sein Vater, „kann er mir am Wochenende helfen.“

Das Haus ist groß genug für zwei Familien, vor der Tür stehen eine Familienkutsche und ein Zweitwagen. „Man wird nicht reich“, sagt Krasniqi, „aber ich kann gut mit meiner Familie leben.“ Neuerdings ist auch der Schwiegersohn in spe in der „Krasniqi AG“ tätig. Den hat Tochter Flora im Kosovo kennengelernt. „Ich bin da gerne“, sagt sie, „und wir feiern in Peja unsere Hochzeit.“

Im Kosovo hat die Familie das Mehrfamilienhaus aufgebaut, das im Krieg völlig ausgebrannt war. An diese Zeit erinnert sich Naser Krasniqi mit Schrecken: „Die Serben haben alle Albaner vertrieben.“ Drei Wochen hörte er nichts von seiner Mutter. Der Flüchtlingstreck von Peja Richtung Albanien war lang. Er sucht nach einem Vergleich: „So lang wie von Ibbenbüren nach Saerbeck.“

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