Flüchtlingsstrom erreicht Everswinkel: Bis zu 134 Zuweisungen in diesem Jahr / Maßnahmen-Paket
Neue Prioritäten für die Gemeinde

Everswinkel -

Momentaufnahme: 78 zu 10. Binnen fünf Jahren hat sich die Zahl der Flüchtlingszuweisungen für Everswinkel verachtfacht. Und ein Ende des Anstiegs ist nicht abzusehen. Gemäß der Prognose des Landes NRW kann die Zahl in diesem Jahr noch auf 134 Personen klettern. Wöchentlich kommen derzeit acht bis zehn Flüchtlinge nach Everswinkel. Die Vitus-Gemeinde steht damit vor großen Herausforderungen, wie Bürgermeister Ludger Banken und Sozialamtsleiter Thomas Stohldreier im Familien- und Sozialausschuss aufzeigten.

Freitag, 11.09.2015, 08:09 Uhr

Immer mehr ausländische Flüchtlinge kommen auch nach Everswinkel. Bis heute sind es 78, bis Jahresende könnten es über 130 sein. Ihre Unterbringung ist derzeit noch in den Wohnheimen gesichert, aber im nächsten Jahr sind die Kapazitäten erschöpft und es fehlen rund 60 Plätze
Immer mehr ausländische Flüchtlinge kommen auch nach Everswinkel. Bis heute sind es 78, bis Jahresende könnten es über 130 sein. Ihre Unterbringung ist derzeit noch in den Wohnheimen gesichert, aber im nächsten Jahr sind die Kapazitäten erschöpft und es fehlen rund 60 Plätze Foto: Meyer/obs/SOS-Kinderdörfer weltweit/Hermann-Gmeiner-Fonds/Katerina Ilievska

Der Wohnraum wird knapp, die Betreuung muss auf eine breitere Basis gestellt werden, es ist mehrfinanzielles Engagement erforderlich. Ein erstes Paket mit drei wesentlichen Maßnahmen wurde am Mittwochabend geschnürt und einstimmig von allen Fraktionen beschlossen, um die völlig veränderte Situation bewältigen zu können. Es gibt viel zu tun, und Everswinkel packt es an.

„Gesellschaftlich kommt das Thema jetzt auch in Everswinkel an. Das ist normal und auch richtig so“, leitete Ausschussvorsitzender Wolfgang Effing (FDP) in die umfassende Situationsbeschreibung der Gemeindeverwaltung ein. Die Entwicklung gehe in die Richtung, „dass es ganz ernst wird – die Lage wird sich weiter verschärfen“, skizzierte Banken mit Blick auf die Flüchtlinge, die sich bereits in den Auffanglagern befinden und die dramatische Entwicklung in Ungarn. „Handlungsfähig bleiben“ sei das vordringliche Ziel für die Gemeinde. Unterbringung, Betreuung, Integration – drei Stichworte für Aufgaben, die nur zu lösen seien, wenn man sich breiter aufstelle.

Schon jetzt stemme ein Team von Leuten – angefangen bei der Gemeinde über die Kirche und die Flüchtlingsinitiative bis zu weiteren Partnern – die Aufgabe. Mit dem heutigen Tag werden 97 Menschen in den vier gemeindlichen Übergangs-Wohnheimen leben. Die maximale Kapazität liegt bei 124 Plätzen. In diesem Jahr werde das wohl noch knapp ausreichen, wenn die hohe Auszugsquote von rund 50 Prozent bleibe (Wechsel in privaten Wohnraum oder Verlassen der Gemeinde), „aber ab 2016 fehlen uns mindestens 57 Plätze pro Jahr“, so Stohldreier . „Und das ist schon optimistisch gerechnet“, ergänzte Banken. Ein Teil des Drucks haben bereits Bürger der Gemeinde aufgefangen: 19 Flüchtlinge sind in privatem Wohnraum untergekommen, sechs Plätze kommen bis Ende der Woche noch hinzu, weitere fünf zum 1. Oktober. Mit 37 bis 57 Flüchtlingszuweisungen sei in diesem Jahr noch zu rechnen.

Unsichere Zahlen. Das Problem für eine verlässliche Planung sei, dass die Prognosen bei Veröffentlichung „meist schon veraltet sind“. Stohldreier zeigte Beispielhaft die Flüchtlingsprognosen für NRW in diesem Jahr, die von „gleich hohe Zahl wie 2014“ zum Jahresende 2014 über 63 660 im Februar, 100 600 im März auf 200 000 im August hochgeschnellt seien. Gemäß dem Verteilungsschlüssel stieg die Zahl für Everswinkel von 38 auf 134 – ein Plus von 253 Prozent in einem Zeitraum von acht Monaten. „Die Zahlen können noch dramatisch ansteigen“, und dann seien laut Stohldreier eventuell Sammelunterkünfte wie Turnhallen oder Zelte erforderlich. „Es kann sein, dass plötzlich 30 bis 40 Leute hier stehen, die untergebracht werden müssen – und dann kommen wir um Sammelunterkünfte nicht herum“, machte Banken klar.

Allein wenn sich der Flüchtlingsstrom zwei Jahre so fortsetze – ohne weitere Steigerung und bei gleichbleibender Auszugsquote aus den Wohnheimen – „werden wir 120 Plätze brauchen“. Mit einer Erstaufnahme-Einrichtung sei in Everswinkel dagegen nicht zu rechnen, denn da fasse Innenminister Ralf Jäger Orte ab 40 000 Einwohner ins Auge. Um die Unterbringungskapazitäten für Asylbewerber und Flüchtlinge auszubauen, prüft die Gemeindeverwaltung derzeit mehrere Optionen, die vom Ankauf und der Anmietung weiterer Immobilien über die Vermittlung von Flüchtlingen in privaten Wohnraum und das Aufstellen von Wohncontainer bis zum Bau einer Immobilie in Eigenregie oder durch einen Investor reichen.

Abgesehen von der Unterbringungsproblematik steigen auch die Anforderungen an die Betreuung. Derzeit kümmert sich ein Mitarbeiter des Bauhofes in Vollzeitbeschäftigung um die Übergangs-Wohnheime. Das Aufgabenspektrum reicht von der Möbel- und Hausratbeschaffung über das Bereitstellen und Einrichten der Zimmer be Neuzuweisungen sowie die Organisation von Umzügen bis zu Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten. Bislang waren es zwei Wohnheime, jetzt sind es vier. „Die Bewältigung der Aufgaben ist so nicht mehr möglich“, bekräftigte der Bürgermeister. Erforderlich ist eine neue Hausmeisterstelle zum 1. Oktober. Die Gemeinde stellt dafür zirka 42 000 Euro bereit (Jahreskosten).

Stichwort soziale Flüchtlingsbetreuung: „Wir haben derzeit eine sehr gute Betreuung durch die Flüchtlingsinitiative, die bringt sich richtig toll ein“, lobte Stohldreier die Ehrenamtlichen. Dazu kommen Mitarbeiter aus der Verwaltung sowie die Hauptamtlichen aus dem Haus der Generationen. Aber: „Wir brauchen zusätzliche professionelle Unterstützung“, bilanzierte Stohldreier und verwies auch auf die vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Schon jetzt zeige sich in stark belegten Unterkünften Konfliktpotenzial, und dies gelte es zu verhindern. Ein Sozialarbeiter eines professionellen Trägers soll mit einer halben Stelle (rund 20 Stunden pro Woche) die aufsuchende Betreuungsarbeit ergänzen. „Wir brauchen auch jemanden, der die Leute anhält, etwas zu tun“, denn Nichtstun schaffe auch Konflikte, erklärte Banken. Rund 30 000 Euro stellt die Gemeinde für diese Stelle bereit (Jahreskosten). Effing bezeichnete diese Kosten als „gut angelegtes Geld“, um nicht zu riskieren, dass ernstere Konflikte zwischen den Flüchtlingen erwachsen.

Als dritte Sofortmaßnahme ist die Einrichtung einer Arbeitsgruppe „Flüchtlingsunterbringung und -betreuung“ in der Vorbereitung. „Wir müssen mehr gesellschaftliche Schichten und Akteure einbinden“, denn die gewaltige Aufgabe sei von der Gemeinde allein nicht zu bewältigen, erläuterte Banken. Angedacht ist an eine Arbeitsgruppe mit maximal 15 Personen – „sie muss auch arbeitsfähig sein“ – mit Vertretern unter anderem aus Politik, Kirche, Schule und Wirtschaft. „Das ist dann auch ein Multiplikatorengremium.“

Während sich das halbe Europa aus der gemeinschaftlichen Verantwortung zu stehlen scheint, setzen Deutschland im Allgemeinen und zahlreiche Kommunen im Besonderen ein Zeichen. Auch Everswinkel. Vieles wird unwichtiger angesichts dieses Dramas, das sich derzeit abspielt. Auch in Everswinkel. Bürgermeister Ludger Banken machte schon deutlich, „wir müssen jetzt bestimmte Dinge auch mal zurückstellen. Das wird man auch merken im Ort. Nur die Bürgermeisterwahl – die stellen wir nicht zurück, die machen wir jetzt.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3514626?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F1604524%2F2901505%2F4839865%2F4839867%2F
Nachrichten-Ticker