Medizinische Versorgung von Flüchtlingen
Ärzte wollen einheitliche Standards verabreden

Kreis Warendorf -

Infektionen, gefährliche Verletzungen, Traumatisierungen: Wenn Flüchtlinge in Notunterkünften ankommen, müssen sie zunächst zur Erstuntersuchung. Ärzte und freiwillige Helfer haben dann viel zu tun. Der Plan: Einheitliche Standards für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge.

Donnerstag, 01.10.2015, 15:10 Uhr

Erstuntersuchung in der Notunterkunft in Beckum: Unter vergleichsweise guten Bedingungen untersuchten Dr. Anna Arizzi Rusche (r.) und Dr. Jutta Dick (beide Kreisgesundheitsamt) Zwillinge aus Afghanistan. Die meisten neu ankommenden Flüchtlinge im Kreis (außer Ahlen) werden derzeit mit Bussen zur Erstuntersuchung nach Warendorf gefahren.
Erstuntersuchung in der Notunterkunft in Beckum: Unter vergleichsweise guten Bedingungen untersuchten Dr. Anna Arizzi Rusche (r.) und Dr. Jutta Dick (beide Kreisgesundheitsamt) Zwillinge aus Afghanistan. Die meisten neu ankommenden Flüchtlinge im Kreis (außer Ahlen) werden derzeit mit Bussen zur Erstuntersuchung nach Warendorf gefahren. Foto: Kopmann

Sein erster Satz lautete: „Gestern Abend war die Hölle los.“ Dr. Wolf Rommel schilderte bei der Kommunalen Gesundheitskonferenz, was sich in der Nacht in der Notunterkunft im Warendorfer Berufskolleg abspielte.

Erst seien morgens 59 Flüchtlinge für die Nacht angekündigt worden. Dann stand gegen 18.30 Uhr plötzlich der Bus mit den Flüchtlingen vor der Tür. Kurz darauf kamen weitere Busse mit 200 Flüchtlingen, die nicht angemeldet waren. Der Katastrophenschutz musste eingeschaltet werden: Malteser und DRK schickten Ärzte für die Erstuntersuchung . 150 weitere Flüchtlinge, die noch zusätzlich kommen sollten, konnten nach Nottuln umgeleitet werden.

Ich bin begeistert wegen der vielen freiwilligen Helfer, die Freizeit und Nachtschlaf opfern.

Dr. Wolf Rommel

Insgesamt fünf Mediziner nahmen schließlich die Flüchtlinge in Augenschein, um festzustellen, ob es Infektionen oder gefährliche Verletzungen gibt. Unter anderem kümmerten sich die Ärzte auch um einen Iraker, der eine Nierentransplantation hatte – aber keine Medikamente mehr gegen Abstoßungsreaktionen.

Flüchtlinge in Deutschland

Viel Lob gab es in der Gesundheitskonferenz für die enorme Einsatzbereitschaft von Ärzten und Helfern. Rommel selbst sagte: „Ich bin begeistert wegen der vielen freiwilligen Helfer, die Freizeit und Nachtschlaf opfern. Und ich bin stolz auf unsere Gesellschaft: Wenn wir sagen, wir brauchen Hilfe, dann kommt die auch.“

Welche Hilfe in welcher Situation nötig ist, darüber waren sich die anwesenden Ärzte allerdings nicht einig. Kinderarzt Dr. Romanus Röhnelt etwa war der Meinung, dass es nicht nötig sei, die Flüchtlinge mitten in der Nacht auf Läuse zu untersuchen. Man einigte sich auf die Einrichtung eines Arbeitskreises, in dem einheitliche Standards für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge festgelegt werden sollen.

Viele Ärzte würden gerne helfen, aber uns hat keiner angerufen. Wir stehen Gewehr bei Fuß.

Dr. Hans Joachim Hilleke

Dr. Carsten Krüger , Chef der Kinderklinik Ahlen, erinnerte daran, dass es bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen oft gar keine Untersuchung gebe. Krüger gab auch zu bedenken, dass es nicht wenige Neugeborene in den Notunterkünften gebe. Ein Hinweis, den Kreisdirektor Dr. Heinz Börger aufnahm und unterstrich, der Kreis Warendorf sei bemüht, Familien mit Neugeborenen separat unterzubringen.

Intensiv diskutiert wurde auch darüber, dass viele Flüchtlinge traumatisiert sind. Um ihnen fachliche Hilfe anzubieten, bräuchte man Dolmetscher. Die sind nicht nur teuer, sondern meistens gar nicht zu bekommen. Prof. Dr. Heinrich Schulze-Mönking (Rochus-Hospital) gab außerdem zu bedenken, dass man hiesige Psychotherapie nicht einfach auf Menschen eines anderen Kulturkreises übertragen könne. „Ich empfehle, nicht viel in diesen Bereich zu investieren, sondern das Geld besser in die Integration zu stecken.“

Der Versuch, Psychotherapie bei Flüchtlingen zu machen, ist komplett gescheitert.

Prof. Dr. Heinrich Schulze-Mönking

Dr. Elke Rehfeldt vom Kreisgesundheitsamt informierte, dass die Flüchtlinge nach 15 Monaten eine elektronische Gesundheitskarte bekommen. Zunächst kommen aber die Kommunen für entstehende Kosten auf – erst ab 70 000 Euro pro Fall springt das Land ein.

Die Ärzte verabredeten einen Arbeitskreis „Gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen“ einzurichten. Dort sollen einheitliche Standards verabredet werden – etwa für das Impfen.

Dass es unter den niedergelassenen Ärzten noch viele gibt, die bereit sind, in ihrer Freizeit und an den Wochenenden zu helfen, machte Dr. Hans Joachim Hilleke vom Praxisnetz Warendorf deutlich: „Viele meiner Kollegen würden gerne helfen, aber uns hat keiner angerufen. Wir stehen Gewehr bei Fuß.“

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