Flüchtlingszahlen
Was kommt nach der Entspannung?

Münster -

Wer erleben will, wie sich die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland praktisch auswirkt, der sollte sich eine Notunterkunft ansehen. Eine wie beispielsweise die Oxford-Kaserne im Norden Münsters.

Mittwoch, 06.04.2016, 18:04 Uhr

Leere Gänge in der alten Oxford-Kaserne in Münster. In den Notunterkünften ist derzeit Ruhe eingekehrt. Ob dies so bleibt, ist die offene Frage.
Leere Gänge in der alten Oxford-Kaserne in Münster. In den Notunterkünften ist derzeit Ruhe eingekehrt. Ob dies so bleibt, ist die offene Frage. Foto: Wilfried Gerharz

Wer erleben will, wie sich die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland praktisch auswirkt, der sollte sich eine Notunterkunft ansehen. Eine wie beispielsweise die Oxford-Kaserne im Norden Münsters. Als die Einrichtung des Landes im Dezember an den Start ging, eilends vorbereitet, weil Tausende Asyl­suchender vor der Tür standen und Obdachlosigkeit drohte, „war sie in Nullkommanichts voll“, sagt Tobias Derr vom Leitungsteam. 326 Plätze, belegt in weniger als 24 Stunden. Auch wenn es dort nie richtig eng wurde, weil das Gelände riesig ist, war jede Menge los. Inzwischen ist es ist ruhiger geworden in der ehemals bri­tischen Kaserne. Die Situation hat sich entspannt.

Im Kleinen. Im Großen.

Kamen im Herbst noch wöchentlich bis zu 17 000 Flüchtlinge nach NRW , „sind es derzeit rund 1000“, sagt Benjamin Hahn von der landesweit zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg.

In der alten Oxford-Kaserne, an der die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist, „sind derzeit 110 Asyl­suchende untergebracht“, sagt Derr, der eigentlich bei der Finanzbehörde in Warendorf arbeitet und sich für ein halbes Jahr freistellen ließ. Auch wenn es derzeit nicht nottut: Auf dem Areal wird ein weiteres Gebäude hergerichtet, um notfalls zusätzliche 150 Flüchtlinge aufnehmen zu können.

An der Oxford-Kaserne lässt sich das Dilem­ma der aktuellen Flüchtlingssi­tua­­­ti­on sehr schön darstellen. ­eilends hergerichtet, derzeit nur zu einem Teil genutzt, weil aber niemand weiß, wer noch kommt, auch nicht leichtfertig aufzugeben.

Gemessen an der Herausforderung lief das vergangene Jahr noch erstaunlich ­geordnet. Über eine Million Asylsuchende kamen nach Deutschland, allein 330 000 nach NRW. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf, sie benötigten etwas zu Essen. Notun­ter­künfte wurden eilends aus dem Boden gestampft, mancherorts auch Zeltstädte errichtet. Aber: Am Ende des Tages hatte jeder Flüchtling „einen Teller Suppe vor sich und ein Bett“, so hatte es NRW-Innenminister Ralf Jäger einmal formuliert. Dass nicht alles problemlos, reibungs- und störungsfrei verlief, versteht sich. Mancher Bürgermeister war wenig erfreut, wenn nach denkbar kurzer Vorwarnung schon wieder ein voller Bus auf den Marktplatz rollte.

Und jetzt? Ist das Not­system hochgefahren und etabliert, aber die Flüchtlingszahlen gehen zurück.

An diesem Tag sucht Ricarda Stember von den Johannitern, die die Notunterkunft in der Oxford-Kaserne betreiben, Frauen für die Sportstunde. Allzu viele fin det sich nicht. „In solchen Si­tuationen merkt man deutlich, dass wir unterbesetzt sind“, sagt sie und zuckt die Schultern.

Bleibt das so? Steigen die Flüchtlingszahlen mit den Temperaturen? Finden die, die sich schon auf den Weg gemacht haben, eine Alternative zur geschlossenen Balkan-Route? Und was ist mit den zigtausend Syrern, die im Libanon, in der Türkei und Jordanien in Flüchtlingslagern hau­sen? Es gibt einfach zu viele Unbekannte, als dass verlässliche Prognosen möglich wären.

NRW hält darum weiterhin 70 000 Plätze in zentralen Unterbringungseinrichtungen und Notunterkünften vor, um in der Lage zu sein, aufs Jahr verteilt bis zu 300 000 Flüchtlinge aufnehmen zu können. Das ist die Kennzahl, die das Innen­ministerium ausdrücklich nicht nennt. Dort lautet das Wording ­vielmehr: „Wir stellen uns darauf ein, 2016 so viele Menschen unterbringen zu können wie im Vorjahr.“

„Wir sind vorbereitet“, sagt auch Tobias Derr. Etliche Schlafräume in der Kaserne stehen derzeit leer. Das Bettzeug aber liegt bereit. „Wir können unsere Kapazitäten jederzeit hochfahren.“ So muss das auch sein, wenn keiner weiß, was kommt.

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