Interview mit Technikblogger Sascha Pallenberg
„Das ist digitale Erpressung“

Sascha Pallenberg ist einer der bekanntesten deutschen Blogger. Der gebürtige Dortmunder ist 2009 nach Taiwan gezogen und hat dort eine Firma gegründet. Mit seinen Technikblogs erreicht er jeden Monat rund 2,5 Millionen Menschen. Der thematische Schwerpunkt liegt auf Smartphones, Tablets und Notebooks, über die er und seine zehn Mitarbeiter berichten. Pallenberg war am Freitag Redner bei der zweiten TEDx-Konferenz in Münster. Unsere Redaktionsmitglieder Uwe Renners und Carsten Vogel haben mit ihm im Vorfeld der Konferenz gesprochen.

Freitag, 23.05.2014, 17:05 Uhr

Sascha Pallenberg gehört zu den bekanntesten deutschen Bloggern. Er erreicht mit seinen Beiträgen monatlich 2,5 Millionen Menschen.
Sascha Pallenberg gehört zu den bekanntesten deutschen Bloggern. Er erreicht mit seinen Beiträgen monatlich 2,5 Millionen Menschen. Foto: Uwe Renners

Sie reisen durch die ganze Welt und sehen die technischen Entwicklungen. Wo steht aus Ihrer Sicht Deutschland ?

Sascha Pallenberg : Wenn man aus der Blase, in der man aufgewachsen ist, nicht nur zwei Wochen, sondern ein paar Jahre herauskommt, dann sieht man viele Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ein Beispiel: Ich bin mit meiner Co-Gründerin, die aus Kanada kommt, mit dem Zug von Amsterdam nach Hannover zur Cebit gefahren. An jedem Bahnhof habe ich einen Schockzustand erreicht und mich gefragt: Wie sieht das hier aus? Öffentliche Verkehrssysteme sind Lebensadern für eine Gesellschaft. Ich wohne in Taiwan an einer Bahnstrecke, die ist komplett computergesteuert. Da gibt es keine Fahrer mehr. Mein Bahnticket zahle ich mit einer Karte, mit der ich auch einkaufen gehen kann. Für die Fahrt zur Arbeit, das sind 8,5 Kilometer, zahle ich 80 Cent. Wenn ich vorher mit dem Bus fahre, zahle ich sogar weniger, obwohl ich eine weitere Strecke fahre. Es ist gewollt, dass die Leute nicht mit den Autos in die Stadt fahren. In der Bahn gibt es kostenloses W-Lan. An jeder U-Bahn-Station gibt es Tische, an denen man sein Notebook oder Smartphone aufladen kann. Das ist hier zum Teil sehr erschreckend.

Woran liegt das?

Pallenberg: Taiwan hat die Industrialisierung fast komplett übersprungen. In Deutschland arbeiten mehr als 50 Prozent der Menschen in der Service-Industrie, in Taiwan sind es 20 Prozent. 50 Prozent arbeiten in der Sparte Informationstechnologie. Das ist ein wahnsinniger Entwicklungsvorsprung. Zudem sind wir nicht sehr risikofreudig. Wir haben für alles eine Versicherung. Das sagt auch was über die Mentalität aus. Wenn du in Deutschland mehrere Firmen gründest und sie vor die Wand fährst, dann hast du ein Problem. In den USA würdest du sofort einen Job bekommen, weil du Erfahrung hast. Die Angst des Scheiterns lähmt hier viele Menschen.

Ein anderes Thema. Wie glauben Sie, müssen sich Medien auf den digitalen Wandel einstellen?

Pallenberg: Die Entwicklung, wie wir Medien konsumieren, verändert sich und hat sich bereits geändert. Sie müssen immer bereitstehen, mit welchem Gerät auch immer muss ich sie angucken können, und ich muss sie schnell und einfach bezahlen können. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft. Das Café konkurriert mit dem Schwimmbad und dem guten Artikel, den ich lesen kann. Es geht darum, worin wir Lebenszeit investieren. Und da müssen wir die Menschen mit guten Inhalten überzeugen, dass es sich lohnt, den Artikel zu lesen. Dann sind sie auch bereit, dafür zu bezahlen.

Wird es in zehn Jahren noch eine Fernbedienung geben?

Pallenberg: Die wird es immer geben, vielleicht übernimmt das Smartphone die Funktion. Aber wir werden den Fernseher auch mit Gesten oder nur mit den Augen bedienen. Das ist bereits alles möglich. Wir werden in Zukunft ganz anders mit Computern interagieren. Ich komme nach Hause und sage einfach „Fernseher an, ARD, Tagesschau“ und sie wird laufen.

 

Ist die technische Entwicklung irgendwann an einem Ende angelangt?

Pallenberg: Nein. Was gedacht wird, kann auch gebaut werden. Viele Dinge aus den ersten Star-Trek-Folgen gibt es heute. Vor einiger Zeit wurde das erste Atom von A nach B gebeamt.

Sie sind im vergangenen Jahr durch Ihre Kritik an „Adblock“ bekannt geworden. Worum geht es denn dabei?

Pallenberg: Wenn ich ins Internet will, muss ich einen Browser nutzen. Ich habe dann die Möglichkeit, ein kleines Programm zu installieren, das sämtliche Werbung auf den Seiten ausblendet. Das hört sich erst mal ganz toll an. Das Problem ist aber, wenn ich ins Lokal gehe und lecker esse, dann kann ich auch nicht einfach die Rechnung ausblenden. Bei „Adblock“ werde ich von einer Firma, die das Programm anbietet, in Sippenhaft genommen. Wenn ich will, dass die Werbung auf der Seite angezeigt wird, dann muss ich denen dafür etwas bezahlen, dass sie sie wieder zeigen. Das sind nicht die Robin Hoods des Internets. Das ist eine Art von  digitaler Erpressung . Ich werde das so lange kritisieren, bis irgendein Gericht auf dieser Welt das für illegal erklärt und es verschwindet.

 
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