Facebook-Gratulations-Spam
Herzlichen Glückwunsch, toter Freund!

Morgens gibt's ein "Pling!", und Facebook meldet, wer Geburtstag hat. Schon setzt das kopflose Gratulieren ein. Leider auch dann, wenn das Geburtstagskind lange tot ist. Tolle "Freunde" sind das, findet unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier.

Donnerstag, 22.01.2015, 15:01 Uhr

Freunde? Facebook-Bekanntschaften gratulieren einem Toten zum Geburtstag.
Freunde? Facebook-Bekanntschaften gratulieren einem Toten zum Geburtstag. Foto: Screenshot

In ein paar Tagen habe ich Geburtstag. Meine Mutter wird anrufen, im Briefkasten steckt eine Karte von der Patentante, und abends kommen ein paar alte Freunde auf ein Glas Rotwein vorbei. Aber eins wird nicht passieren: Mir werden keine „Facebook“-Freunde Glückwünsche oder das „Happy-Birthday“-Video der Beatles an die virtuelle Pinnwand posten. Diese Funktion habe ich abgestellt.

Bei Facebook habe ich derzeit 603 Kontakte, die ja dort „Freunde“ heißen. Sich über diese Terminologie zu amüsieren oder gar zu ärgern, ist langweilig. So sind sie halt, die Amerikaner, die ja Facebook erfunden haben. Am Ende eines Abends, an dem man sich im Pub kennengelernt hat, verabschieden sie sich mit einem euphorischen „Friends forever!“ – und alle wissen, dass man sich nie wieder hört. Genau wie bei Facebook: „Freunde“ dort sind sich vielleicht irgendwo mal über den Weg gelaufen, haben sich gegenseitig als Facebook-Freunde akzeptiert, und entfreunden macht man ungerne.

So finden sich unter meinen 603 vermeintlichen Freunden viele Ex-Praktikanten, Freunde von Freunden, Kollegen aus anderen Abteilungen und einstige Interview-Partner. Privates und Berufliches mischen sich lustig, und von vielen dieser Freunde weiß ich nicht mal, wo sie heute wohnen und was sie so tun.

Trotzdem könnte ich den meisten zum Geburtstag gratulieren, weil Facebook mich ungefragt morgens darauf hinweist, wer heute dran ist. Das führt zu unendlichem Gratulations-Spam und dem ritualisierten Dank am nächsten Tag: „Habe mich sehr gefreut“.

Ich will aber nicht, dass mir Leute gratulieren, die ich in der Grundschulzeit zuletzt gesprochen habe. Ich fühle mich dann brüskiert, sie werten die ehrlich gemeinten Anrufe echter Freunde ab.

Bestärkt wurde ich in meiner altertümlichen Einstellung, als vor ein paar Tagen ein Bekannter, nennen wir ihn Rudi, Geburtstag gehabt hätte – wenn er nicht vor fünf Monaten gestorben wäre. Einige seiner „Freunde“ hatten das wohl gar nicht mitbekommen. „Viel Erfolg, Gesundheit und ansonsten nur das Beste“ wünschte ihm einer via Facebook. Zu lesen war auch „Happy Birthday Rudi. Hope you have a nice day“, „Herzlichen Glückwunsch, lieber Rudi“. Es gab sogar ein lustiges, buntes Bildchen mit fröhlichen besten Geburtstagswünschen.

Makaber? Vielleicht. Rudi hatte es halt vor seinem plötzlichen realen Ableben nicht mehr geschafft, sich auch aus der virtuellen Welt zu verabschieden. Vor allem aber zeigt diese groteske Gratuliererei auch, wie viele Facebook-Freunde in Wirklichkeit falsche Freunde sind – oder eben gar keine Freunde.

Deshalb habe ich das alles blockiert. Mir könnt ihr nur zu Lebzeiten gratulieren. Danach hebt niemand ab.

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