Fairphone 2
Zerlegbares Smartphone: Der Baukasten für mehr Fairness

Münster/Amsterdam -

Es ist leicht zu zerlegen, leicht zu reparieren: Das modulare Fairphone 2 soll beispielhaft belegen,dass es auf dem Smartphone-Markt nachhaltiger und fairer zugehen könnte.

Dienstag, 05.07.2016, 19:07 Uhr

Fairphone 2 : Zerlegbares Smartphone: Der Baukasten für mehr Fairness
Das Fairphone soll andere Hersteller und Mobilfunkanbieter zum Umdenken bewegen. Foto: Gunnar A. Pier

Ethisch, offen und auf Langlebigkeit ausgelegt – so will das Fairphone 2 sein. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich das Display dieses Handys mit wenigen Handgriffen austauschen lässt. Und es braucht nicht mehr als einen Schraubenzieher, um das Smartphone in seine Einzelteile zu zerlegen und zum Beispiel eine defekte Kamera gegen ein neues Kamera-Modul auszutauschen. Was man reparieren kann, kann man länger benutzen. Unser Redaktionsmitglied Martin Ellerich hat sich mit Daria Koreniushkina über das erste modulare Smartphone unterhalten. Sie ist Sprecherin des Unternehmens Fairphone B.V. mit Sitz in Amsterdam, das sich bemüht, ein faires Mobiltelefon herzustellen.

Wie fair ist das Fairphone?

Daria Koreniushkina: Mit dem Bau des Fairphones wollen wir eine Bewegung für fairere Elektronik anstoßen. Und wir nehmen dabei alle Aspekte in den Blick – vom Abbau der Rohstoffe über die Produktion bis zum Design des Handys und zur Lebensdauer. In jedem Smartphone stecken mehr als 40 Mineralien aus allen Teilen der Welt. Die Lieferkette ist mit Hunderten Beteiligten sehr komplex: Jedes einzelne Mineral wird abgebaut, verfeinert, weiterverarbeitet. Es wird für Komponenten verwendet, die wiederum in weitere Bauteile eingebaut werden. Uns war klar, dass ein völlig faires Handy nicht möglich ist. Der Name Fairphone beschreibt das Ziel, das es Schritt für Schritt zu erreichen gilt.

Wenn Sie es in Prozent ausdrücken müssten: Wie fair ist Ihr Fairphone?

Koreniushkina: Das ist eine philosophische Frage: Was ist Fairness? Der Rohstoffabbau, die Arbeitsbedingungen in der Produktion? Oder geht es auch darum, dass das Fairphone fair zu mir als Nutzer ist? Ist es also auch eine Frage der Privatsphäre, der Lebensdauer, der offenen Software? In einem Prozentsatz können wir das nicht ausdrücken...

Welche Materialien im Fairphone sind aus fairen Abbau?

Koreniushkina: Das drängendste Problem sind Konflikt-Mineralien. Unter den 40 Mineralien sind vier – Zinn, Tantal, Wolfram und Gold – die oft aus Konfliktgebieten wie dem Kongo stammen und deren Abbau dort Warlords finanziert, die viele der Minen kontrollieren. Schon mit dem ersten Fairphone-Modell haben wir vor einigen Jahren in einer multinationalen Initiative die Versorgung mit Zinn und Tantal aus konfliktfreiem Abbau im Kongo aufgebaut. Beim Fairphone 2 haben wir jetzt auch die erste konfliktfreie und faire Versorgungskette mit Fairtrade-Gold in der Elektronikindustrie aufgebaut. Beim Wolfram sind wir kurz vor einer konfliktfreien Versorgung aus Ruanda.

Ein deutscher Journalist war kürzlich in Ihrer Mine in Ruanda. Ja, es gebe Sicherheitsbekleidung und bessere Löhne, aber er sagte: „Die Leute arbeiten wie im Mittelalter.“

Koreniushkina: Die Probleme sind vielfältig. Es gibt viele Minen, in den Sklaven- und Kinderarbeit verbreitet sind. In denen die Sicherheits- und Umweltbedingungen extrem schwierig sind. Wir halten es für den ersten und wichtigsten Schritt, Materialien aus konfliktfreiem Abbau sicherzustellen – aber nicht auf per se sichere Länder wie Australien auszuweichen. Das wäre einfach, ließe aber die Menschen im Kongo oder Ruanda im Stich. Die Erträge der Mine sollen die lokale Bevölkerung unterstützen, nicht den Bürgerkrieg. Davon ausgehend können wir dann die anderen Probleme angehen.

Sie wollen die Elektronikindustrie von innen verändern. Haben Sie schon Reaktionen?

Koreniushkina: Als wir gerade das erste Fairphone herausgebracht hatten, sprach eine Nachhaltigkeits-Managerin eines großen Smartphone-Herstellers unseren Chef an: „Ich war anfangs wirklich sauer auf Sie!“ Warum? Die Marketing-Leute ihres Konzern seien eines Tages gekommen, hätten das Fairphone auf ihren Tisch gelegt und gefragt: „Warum haben wir so etwas nicht gebaut?“ Und sie habe geantwortet: „Das wollte ich ja immer, aber Ihr habt ja nicht zugehört.“ Da sehen Sie, wie unser Beispiel wirkt.

Studie

Eine neue Studie zum Thema „Wie nachhaltig ist das Fairphone 2?“ können Sie hier nachlesen.

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Sie haben die Bauweise des Fairphones geändert, um die Lebensdauer zu verlängern.

Koreniushkina: Das Fairphone 2 ist das erste modulare Smartphone auf dem Markt. Es ist so aufgebaut, dass die Nutzer selbst beschädigte Komponenten ersetzen können – zum Beispiel die Displays. Zugleich erlaubt uns dies, das neue Fairphone 2 immer wieder stufenweise mit moderneren und besseren Teilen auszuliefern, so dass es up to date bleibt. Als Nächstes werden wir eine verbesserte Kamera verbauen. Und wir werden auch verbesserte Teile anbieten, mit denen Nutzer ihr eigenes Fairphone 2 selbst nachrüsten können.

Wenn ich heute ein Fairphone 2 kaufe, wie lange werde ich es nutzen können, bevor es überholt ist?

Koreniushkina: Ein durchschnittlicher Verbraucher nutzt sein Smartphone heute etwa zwei Jahre – wir wollen die Nutzungsdauer mit dem Fairphone 2 auf mindestens drei Jahre verlängern, am besten sogar auf fünf Jahre. Wir haben uns verpflichtet, mindestens fünf Jahre lang Updates und Ersatzteile anzubieten.

Das ist auch eine Frage des Betriebs­systems...

Koreniushkina: Wir wollen den Nutzern Wahlmöglichkeiten geben: Derzeit wird das Fairphone mit Android und Google-Diensten ausgeliefert, aber wir wollen auch eine Version mit Android, aber ohne Google-Dienste anbieten. Und wir kooperieren mit Jolla, Anbieter des offenen Betriebssystems Sailfish OS. Eine Community-Version von Sailfish OS für Fairphone gibt es bereits.

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Das Fairphone lässt sich einfach in Einzelteile zerlegen. Foto: Gunnar A. Pier

Ihr Fairphone 2 liegt, den technischen Daten nach, auf dem Niveau eines 250 bis 300 Euro teuren Smartphones. Es kostet 525 Euro.

Koreniushkina: Stimmt: Man könnte ein Gerät mit ähnlichen technischen Daten billiger bekommen – wenn man nur auf die nackten Zahlen schaut. Wegen des Ziels einer längeren Lebensdauer nutzen wir aber qualitativ hochwertige Komponenten. Und mit dem Fairphone tragen Sie zu einer anderen Art des Wirtschaftens und zu faireren Produktionsbedingungen bei. Das ist ein zusätzlicher Wert, der sich schwer beziffern lässt. Und: Das Fairphone 2 ist das einzige modulare Smartphone...

Wie stellen Sie faire Produktionsbedingungen beim Zusammenbau des Fairphone 2 sicher?

Korenushkina: Es ist leider nicht so, dass wir eine wirklich faire Fabrik gefunden hätten. Das ist ein Problem in der gesamten Branche. Uns war bei der Auswahl des chinesischen Partners Hi-P aber die Transparenz wichtig – und die Verpflichtung, die Arbeitsbedingungen schrittweise zu verbessern. Und wir haben mit unserem Partner TAOS die Arbeitsbedingungen bei Hi-P untersucht, dem Management Bereiche für Verbesserungen herausgestellt, und wir diskutieren und finden Lösungen, die wirtschaftlich machbar sind. Bei den Fragen der Arbeitssicherheit sind wir gut vorangekommen. Bei den Arbeitszeiten sieht das leider noch anders aus. Das ist leider ein allgemeines Problem der Branche, das nur langfristig gelöst werden kann. Die Fabrik hat die Arbeitszeit von 66 auf 60 Wochenstunden gesenkt. (Das ist die Obergrenze nach dem ETI-Base-Code, dem Grundkodex für ethisch vertretbaren Handel.) Für Europäer ist auch das noch unvorstellbar... Und: Wir arbeiten daran, gemeinsam mit Hi-P einen Arbeiter-Wohlfahrtsfonds aufzubauen. Die Arbeiter wählen Vertreter, die vorschlagen, wie das Geld verwendet wird. Dadurch fördern wir den Dialog zwischen Management und Arbeitern.

Infografik: Mobilfunk: in Deutschland billig, in Afrika Luxus | Statista
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